NEUERSCHEINUNG

Panorama der Gestrandeten

von Redaktion

Safae el Khannoussis fulminanter Roman „Oroppa“

Die marokkanisch-niederländische Autorin Safae el Khannoussi schildert die Schicksale von Menschen aus Folterstaaten. © Merlijn Doomernik

Safae el Khannoussi hat mit ihrem Erstling „Oroppa“ vor zwei Jahren in den Niederlanden einen schönen, runden Roman-Erfolg hingelegt. Nun ist das Buch der marokkanisch-niederländischen Künstlerin (Jahrgang 1994) in der deutschen Übersetzung erschienen, und jeder kann sich überzeugen, dass die Nachbarn im Norden Recht haben. El Khannoussi ist eine fulminante Erzählerin. Im Nachwort berichtet sie zwar, „viele der Geschichten in ,Oroppa’ sind mir so oder in Abwandlungen einst selbst erzählt worden“ von Familienmitgliedern und Freunden. Aber die Autorin verwandelt all das nicht mit Sprachgewalt, sondern -intensität, -fantasie und -spiellust in Kunst.

In vier Teilen und einem Prolog, von „Versteckt oder nicht“ bis „Coda: Die Angsthefte“, entwirft die Schriftstellerin, die gerade an ihrer Promotion in Politischer Philosophie arbeitet, ein vielgestaltiges Panorama einer eigenen Welt. Die ist angesiedelt in Europa. Es wird gern das 21. Arrondissement (Paris hat nur 20) genannt. Dieses beherbergt Gestrandete, Versehrte, Verwirrte, Tüchtige, Schöpferische und Verbrecher vor allem aus Marokko, Tunesien und Algerien. Wie bei mächtigen gemalten Rund-Panoramen sind wir als „Betrachtende“ zunächst verwirrt: Wie gehören Salomé Abergel, Hind al Arian, Irad, Hbib Ledyard und alle anderen zusammen?

All ihre Schicksale, Beweggründe, Stimmungen, Phantasmagorien werden plastisch geschildert. Jedes Detail, jede Skurrilität, jeder überraschende Schwenk fasziniert. Ist die verschwundene Malerin Salomé/Salma Abergel, in deren Keller sich erschreckende Bilder stapeln, der Zentralpunkt des Panoramas? Safae el Khannoussi erzählt uns das einfach erst einmal, und wir bleiben dran. Es tut gut, „unseren“ Kontinent aus einer anderen Perspektive sehen zu können. Gutes und Schlechtes, Warmes und Kaltes. Noch wichtiger ist freilich das Mitgebrachte.

Das ist nicht nur eine Fülle an Leben, sondern auch an Angst. Die Menschen, die sich nun in Amsterdam und Paris durchschlagen, kommen aus Folterstaaten. Das blitzt im ersten Teil kurz auf. Danach ordnet el Khannoussi ihr Panorama. Wir erfahren ausführlich von der jungen marokkanischen Jüdin Abergel, die im Gefängnis gequält wird und dort ihren Sohn Irad (Kind einer Vergewaltigung?) bekommen muss. Erst auf Druck ihres israelischen Vaters werden beide frei, und sie steigt in Amsterdam zur gefeierten Malerin auf. Ausführlich porträtiert wird außerdem der Folterknecht Yousef Slaoui, den es ebenfalls nach Amsterdam verschlagen und der absolut nichts gelernt hat. Am Ende treibt Safae el Khannoussi das Erzählen in eine frei schweifende Poesie, die den Seelenschmerz keinesfalls künstlerisch schönfärbt: „Wer wissen will, wer der Folterer wirklich ist, müsste zu seinem Schatten werden, und zwar, indem er kurz gesagt dasselbe Leben führt.“ Trotz alledem ist die Poesie, ist die Kunst Hilfe und Hoffnung.SIMONE DATTENBERGER

Safae el Khannoussi:

„Oroppa“. Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel.
Carl Hanser Verlag, München,
351 Seiten; 26 Euro.

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