„Ein unglaublicher Gewissenskonflikt“: Karin Bergmann ersetzt ab sofort Markus Hinterhäuser. © SF/Neumayr/Leo
Manchmal genügen nur ein paar Worte, und alles sieht plötzlich anders aus. Während also Salzburg im kalten Frühlingssonnenlicht erstrahlt, steht Karin Bergmann drinnen vor der versammelten Belegschaft der Festspiele. Sie hatte sich ausbedungen, noch vor der Pressekonferenz zum Personal zu sprechen. Erzählt wird, wie stark ihre Worte wirkten, wie versöhnend, wie aufbauend, einige waren gerührt. Ähnliches Minuten später beim Termin für die Öffentlichkeit. Nach ein paar Sätzen ist klar: Die Atmosphäre bei den Festspielen ist eine andere.
Nur zwei Jahre will sie Chefin bleiben
Für zwei Jahre wurde die 73-Jährige erneut als Nothelferin verpflichtet. Im März 2014 kam Karin Bergmann ans Wiener Burgtheater. Der Intendant Matthias Hartmann war fristlos entlassen worden. Eigentlich sollte sie den Kulturtanker nur für zwei Jahre interimistisch übernehmen – doch sie bekam bald einen Fünfjahresvertrag. Letzteres, das stellt die gebürtige Recklinghauserin klar, wird bei ihrem Not-Einsatz in Salzburg nicht passieren. Zwei Jahre, nicht länger, will sie dort Intendantin sein.
Wie berichtet, wurde sie vom Kuratorium der Festspiele geholt, nachdem man sich vom bisherigen Intendanten Markus Hinterhäuser getrennt hatte. Warum genau, das ist auch an diesem versöhnlichen Salzburger Vormittag nicht klar. Von cholerischen Ausbrüchen wird berichtet, von Druckausübung, jedoch nie von Handgreiflichem oder #MeToo. Hinterhäuser, so befand das Direktorium, habe sich nicht nach der vereinbarten „Wohlverhaltens-Klausel“ verhalten – und zog daher den Stecker.
Dass Karoline Edtstadler, die Salzburger Landeshauptfrau, in dieser Situation ausgerechnet Karin Bergmann anrief, gilt nicht nur in der Kulturszene als Witz des Jahrzehnts, ja als ultimative Demütigung Hinterhäusers: Der wollte Bergmann als Schauspielchefin haben, unabhängig vom laufenden Bewerbungsverfahren, worauf er beim Kuratorium um ÖVP-Politikerin Edtstadler endgültig in Ungnade fiel – man fühlte sich nicht ausreichend informiert. Die Festspiele stürzten daraufhin in eine der größten Krisen seit ihrer Gründung. Bergmann ist anzumerken, wie unbehaglich ihr alles ist. In einen „unglaublichen Gewissenskonflikt“ sei sie nach dem Anruf der Landeshauptfrau geraten. Eigentlich habe sie sich vorgestellt, eines Tages neben Hinterhäuser zu sitzen, als Schauspielchefin. „Für mich war klar: Ich sitze nun hier nicht gegen ihn, sondern wegen ihm.“ Ihr gehe es um die Zukunft der Festspiele, um einen verantwortlich gestalteten Übergang. Nachdem alles klar war, hat Bergmann mit Hinterhäuser telefoniert. „Ein sehr schwieriges Gespräch“, viel mehr wollte sie nicht sagen. Nur so viel: „Ich habe ihn um Großzügigkeit gebeten.“ Sie möchte versuchen, mit ihm in Kontakt zu bleiben.
Hinterhäusers Planungen für die nächsten beiden Jahre lobt Bergmann ausdrücklich. Was genau Hinterhäuser vorgeworfen wird, das will auch Bergmann nicht genau wissen. Was ihr aber missfällt: dass alle Vorwürfe bisher aus anonymen Quellen stammen. Es gehöre zur Fairness, dass man sich früh austausche. „Diese Art von Denunziation im Nachhinein ist ein ganz großes Problem fürs Arbeitsklima.“ Auch wenn Hinterhäuser das komplette Programm für 2026 und weite Teile für 2027 fixiert hat: Nur als Abwicklerin kann sich Bergmann nicht betätigen.
Inzwischen ist ein offener Brief bekannt, den Prominente wie die Literatur-Nobelpreisträger Elfriede Jelinek und Peter Handke, die Regisseure Romeo Castellucci, Ulrich Rasche und Ersan Mondtag oder die Sängerin Asmik Grigorian unterzeichnet haben. Alles Künstlerinnen und Künstler, die in diesem Sommer in Salzburg aktiv sind. „Beispiellos, würdelos und nicht nachvollziehbar“ nennen sie die Ablösung Hinterhäusers. Sogar Boykottdrohungen stehen im Raum – nicht alle Verträge sind unterzeichnet, manche Promis könnten sich sanktionsfrei zurückziehen.
Künstler solidarisieren sich mit Hinterhäuser
Seit Tagen, so erzählt Bergmann, hängt sie daher am Telefon, um diese VIPs zu beruhigen. „Man muss den Künstlerinnen und Künstlern die Angst nehmen, dass es hier um die Freiheit der Kunst geht.“ Dass der Mantel des Schweigens über angebliche Verfehlungen Hinterhäusers gebreitet werde, „können wir nicht ändern“. Sie werde nichts unversucht lassen zu erklären, „dass es sich lohnt, mit mir zu arbeiten“.
Neben der akuten Nothilfe muss Bergmann allerdings auch über 2026 hinaus planen. Das Konzert- und Schauspielprogramm für 2027 steht noch nicht fest. Eine Mitarbeiterin hat sie sich mitgebracht, in Sachen Konzerte vertraut sie auf Axel Hiller, der bei den Festspielen seit Jahren schon eine zentrale Rolle einnimmt. Und doch muss, die Vorlaufzeiten bei den Opern sind lang, für 2028 und 2029 geplant werden – für eine Zeit also nach dem Interim. Bergmann hofft, dass die Stellenausschreibung für die Intendanz bald abgeschlossen werden kann. Dann könne sie mit der erfolgreichen Bewerberin oder dem Bewerber die Zukunft gestalten. Und ob sie als Schauspielchefin weitermacht, wie ursprünglich von Hinterhäuser gedacht? „Man soll niemals nie sagen.“MARKUS THIEL