Die Chemie stimmt: Jan Ammann als Graf Dracula und Lisa Habermann als Mina Murray. © Nico Moser
Stimmlich eine Klasse für sich: Jan Ammann in der Titelrolle als Dracula. © Nico Moser
Mit Vampiren rollt der Rubel. Das hat zuletzt unter anderem „Blood & Sinners“ bewiesen. Ryan Cooglers bildgewaltiges Südstaaten-Epos, das bei der jüngsten Oscar-Verleihung mit 16 Nominierungen einen neuen Rekord aufstellte und an den Kinokassen das Vierfache seines Budgets einspielte. Der Urvater des Genres ist und bleibt aber natürlich Bram Stokers „Dracula“, der aktuell am Deutschen Theater ein weiteres Mal zu Musical-Ehren kommt und dabei alle Erwartungen der Fans bedient.
Das spektakuläre Lichtdesign sorgt für die Atmosphäre
Die Songs zu diesem atmosphärisch düsteren Schmachtfetzen stammen dabei von Frank Wildhorn. Dem amerikanischen Großmeister der Power-Balladen, der einmal mehr das tut, was er am besten beherrscht. Eine Hymne im 90er-Jahre-Retro-Sound jagt da die nächste. Mal mit klassisch angehauchtem Geigen-Schmalz, mal mit kreischenden E-Gitarren. Etwa dann, wenn sich der suizidale Graf mit Vampirjäger Professor Van Helsing den großen Showdown liefert. Doch gerade deshalb, weil die Show unter permanentem Hochdruck steht, wird es zuweilen auch ein bisschen zu viel des Guten.
Ohne ausreichend ruhige oder komische Momente als Gegengewicht, driftet man lediglich von einer emotionalen Ausnahmesituation in die nächste. Was hin und wieder auch etwas ermüdend werden kann. Und sind wir mal ehrlich. Im Gegensatz zur Kinoleinwand funktionieren Blutsauger-Dramen auf der Bühne meist dann am besten, wenn man sie mit einer gesunden Prise Ironie würzt und dem Publikum zwischendurch mal ein befreiendes Lachen gönnt. So wie es unter anderem der „Tanz der Vampire“ vorgemacht hat. Das scheint auch Hauptdarsteller Jan Ammann bewusst zu sein, der sich im Polanski-Musical seine ersten Fledermausflügel verdiente.
Trotz ähnlicher Thematik spielt er in „Dracula“ zwar keineswegs eine Kopie seiner früheren Paraderolle. Aber gerade bei den in Transsylvanien angesiedelten Szenen des ersten Aktes ist da zum Glück auch mal Platz für ein wohl platziertes Augenzwinkern und ein parodistisch anmutendes Raunen, ehe er nach der Ankunft in London endgültig zum melancholischen Verführer mutiert. Stimmlich ist Amman erneut eine Klasse für sich und weiß die pathosgeschwängerten Wildhorn-Nummern nach allen Regeln der Kunst zu melken. Und natürlich stimmt auch die Chemie mit seiner Partnerin Lisa Habermann, die als Mina ebenfalls um ihr Leben singt. Dieses grandiose Paar allein dürfte für viele Musical-Fans schon Argument genug sein, um der Show einen Besuch abzustatten. Doch die zwei kämpfen hier keineswegs allein. Auch Munja Viktoria Meier als Minas Freundin Lucy oder Marius Bingel als Van Helsing können mit starker Stimme und starker Bühnenpräsenz überzeugen.
Was die Schauwerte betrifft, ist für eine Tournee-Produktion einiges geboten. Regisseur Alex Balga hat seine Inszenierung, die ursprünglich als Open-Air für Ulm konzipiert wurde und vor vier Jahren schon einmal im Deutschen Theater zu sehen war, noch einmal nachpoliert. Wobei vor allem das spektakuläre Lichtdesign von Michael Grundner für Atmosphäre sorgt. Gleichzeitig wird im Lauf dieser zweieinhalb Stunden aber auch fast ein Jahresvorrat an Trockeneis vernebelt, durch den in erster Linie die Choreografien von Natalie Holtom leider oft im Wirbel der weißen Schwaden untergehen. Den eher dumpf abgemischten Sound ist man von früheren Showslot-Produktionen bereits gewohnt. Aber wenigstens wurde statt halbherzigem Orchester-Playback diesmal wieder in eine achtköpfige Live-Band investiert, die das Geschehen kräftig anschiebt. Und dafür gibt’s dann doch noch einen Daumen hoch!TOBIAS HELL
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bis 19. April, Tickets unter
deutsches-theater.de oder
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