Mit Currywurst: der junge Grönemeyer. © Horst Ossinger
Füllt noch immer große Hallen und Stadien: Herbert Grönemeyer wird an diesem Sonntag 70. Live-Musik ist für ihn ein wichtiges Gemeinschaftserlebnis. © Foto: Svenja Hanusch/FUNKE
Er nuschele bis zur Unverständlichkeit, idealisiere das Ruhrgebiet, das er längst verlassen hat, könne weder gescheit singen noch tanzen: Kritiker haben Herbert Grönemeyer vieles vorgeworfen. Trotzdem zählt er seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Künstlern Deutschlands. Über das Phänomen Grönemeyer – zu seinem 70. Geburtstag an diesem Sonntag.
„Wer heute ein vierzig Jahre altes Lied von ihm hört, der sagt nicht: Das klingt nach den 80ern. Der sagt: Das klingt nach Grönemeyer“, fasst die Popmusik-Expertin Barbara Hornberger von der Bergischen Universität Wuppertal einen Effekt zusammen, den sie auch als „starken Signature Sound“ beschreibt. In dieser höchst wiedererkennbaren Mischung aus vermeintlich missbetonten Wörtern, undeutlicher Artikulation und der besonderen Art des assoziativen Textens hat er einen ganz eigenen Stil geprägt – „und hat doch immer auch zeittypische Elemente aufgegriffen“, sagt Hornberger.
Durch seinen prägnanten vokalen Ausdruck, schrieb der Musikwissenschaftler Nepomuk Riva 2015, habe Grönemeyer seiner Musik ein unverwechselbares klangliches Image gegeben, mit dem er sich von anderen Musikern absetze. Mehr noch: Durch dieses Klang-Image könne er seine Stimme mit fast jedem musikalischen Genre kombinieren – von der schmachtenden Klavierballade über klassischen Deutschrock bis hin zu modernem Elektro-Pop. Grönemeyer klingt nach Grönemeyer.
Für seinen Freund und Biografen Michael Lentz trifft Grönemeyers zeitloser Sound stets den Nerv des jeweiligen Publikums: „Für den Erfolg zentral ist aber auch, dass Herbert Grönemeyer immer das richtige Lied zur richtigen Zeit singt“, schreibt er in der 2024 erschienenen Biografie und Werkanalyse.
In mehr als 40 Jahren im Rampenlicht wandelten sich die Zuschreibungen: Als schlaksiger Endzwanziger repräsentierte er Mitte der 80er den Prototyp eines neuen männlichen Popstars, findet Musikwissenschaftlerin Barbara Hornberger: freundlich, bodenständig, links, ohne radikal zu sein. Und: „Da war plötzlich jemand, der konnte Gefühle servieren, ohne als Schlagersänger wahrgenommen zu werden.“ Nummer-eins-Album um Nummer-eins-Album vertiefte er dann seine Rolle als „tonangebender Chronist deutscher Befindlichkeit“, wie der Kulturwissenschaftler Wieland Schwanebeck schreibt. Er sang gegen die Spießigkeit der Kohl-Ära, gegen Nationalismus und eine gelähmte Gesellschaft, fand neue Bilder für Liebe, Eifersucht oder Verbundenheit.
Mit „Mensch“ wird er für viele endgültig zur Stimme der Nation. Das Album gehört mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren zu den erfolgreichsten Deutschlands: „Die Songs bilden so etwas wie eine kollektive Seelenlandschaft der Deutschen zu diesem Zeitpunkt ab. Sie waren tiefgründig, ohne kitschig zu sein“, sagt Hornberger.
Noch immer füllt Grönemeyer große Hallen und Stadien. Wer ihn dort erlebt, weiß warum: Er verausgabt sich für sein Publikum, genießt sichtlich die Resonanz, wenn Tausende seine Lieder mitsingen. Grönemeyer liebt, was er tut – diese Energie überträgt sich.
Musikmachen ist für ihn eine Überlebensstrategie, wie er der dpa sagte: „Ich weiß, Musik hält mich am Leben. Das ist mein innerer Treibstoff.“ Gerade Live-Musik zu machen, sei für ihn ein wichtiges „Gemeinschaftserlebnis“, ohne das er vereinsamen würde. Auch mit 70, das betont er, will er sich „eine gewisse tänzerische Leichtigkeit“ bewahren.DPA