Neuerscheinung

Rotziger Rosenkrieg

von Redaktion

Dana von Suffrin erzählt in „Toxibaby“ nicht nur von einem Beziehungsdrama

Ihr geht es nicht nur um den Beziehungsstress ihrer Hauptfiguren: Dana von Suffrin stellt ihren neuen Roman am 29. April in ihrer Heimatstadt München vor. © Achim Frank Schmidt

Der ganze Kerl ein Depp. Pardon, aber sehr viel vornehmer lässt sich dieser Typ schwerlich charakterisieren. Toxibaby hat seinen Spitznamen nicht ohne Grund: Er kriegt in seinem Leben kaum etwas auf die Kette, das aber sehr gut. Er weiß alles, kann alles. Eh klar. Stolpert durch einen Wust an Widersprüchen. Er nervt. Er steht auf Streit und auf Herzchen. Letztere Reihenfolge ändert sich übrigens gerne mal in rascher Taktung. Das ist ein Quell, aus dem „Toxibaby“, Dana von Suffrins neues Werk, sein schier unglaubliches Tempo bezieht.

„Der schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann“, kündigt der Verlag das Buch der Münchner Schriftstellerin an. Grundsätzlich sollte man PR-Prosa ja unbedingt ignorieren. In diesem Fall fasst der Satz jedoch das, was auf diesen mehr als 230 Seiten geschieht, sehr treffend zusammen. Und greift trotzdem viel zu kurz.

Dana von Suffrin, 1985 geboren, nutzt die On-off-off-off-off-on-Beziehung zwischen Herzchen, die hier erzählt, und Toxi gewissermaßen als Sprungbrett. Ein Sprungbrett, um tief einzutauchen in unsere Gegenwart und in das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden in diesem Land, das nicht erst seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ziemlich kompliziert und komplexbeladen ist.

Kompliziert wie auch der Beziehungsstatus ihrer beiden Protagonisten. Und das liegt nicht nur an Toxibaby. Herzchen Goldberg ist eine gefeierte Autorin, seit sie in ihrem Bestseller „Omama’s Madhouse“ von ihrer Familie erzählte, die von den Nazis vernichtet wurde. Jetzt hat sie einen Namen in der Branche, muss sich auch finanziell keine Sorgen mehr machen. „Unverbesserliche im Publikum vor Rührung zum Weinen“ zu bringen, Bücher zu signieren, sich mit „Mascha Kaléko vergleichen“ zu lassen und im Anschluss eine „saftige Rechnung“ zu stellen. So fasst Herzchen ihre Lesetouren einmal zusammen.

Der abgeklärte Ton an dieser Stelle, aber auch der treffende Witz an anderen kaschieren indes die Unsicherheit sowie die Schuldgefühle, von denen die Figur eben auch geplagt wird. Es ist die Kunst Suffrins, dass sie plastisch und nachvollziehbar die unterschiedlichen emotionalen Aggregatzustände ihrer Protagonistin ausformt. Bei allem Erfolg, bei allem Schmäh, bei allem Durchblick: Ihr Herzchen kann tatsächlich ein Seelchen sein.

Nach ihrem Debüt „Otto“ (2019) und „Noch mal von vorne“ (2024) legt Dana von Suffrin mit „Toxibaby“ nun ihren dritten Roman vor. Er ist derjenige – es wurde erwähnt – mit dem höchsten Erzähltempo. Diese Rasanz bei gleichzeitiger Klarheit des Stils entwickelt bei der Lektüre einen unglaublichen Sog. Ja, es nervt, dass dieses Paar nicht miteinander kann – aber ohne einander ebenso wenig auskommt. Es ist aber auch herrlich komisch.

Dieser rotzige Rosenkrieg ist Dana von Suffrins Blaupause für das deutsch-jüdische Verhältnis. Ein Thema, das sie bereits in den Vorgängerwerken lesenswert verhandelt hat. Schier unerschöpflich ist es obendrein.

Jetzt nimmt die gebürtige Münchnerin etwa die Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit, vor allem aber den Antisemitismus in der Kulturszene auseinander, einer Branche, die sich doch so gerne progressiv und humanistisch gibt. Sie macht das auf eine kluge und unterhaltsame Art, die stets der Dramaturgie ihrer Geschichte dient.

„Er konnte alles erklären, aber er wollte nie etwas verstehen“, sagt Herzchen einmal über ihr Toxibaby, dem sie am Ende der Geschichte selbst ordentlich zusetzt. Eine Aussage, die zugleich gesellschaftliche Analyse ist. Beziehungsstatus? Bleibt wohl kompliziert.MICHAEL SCHLEICHER

Dana von Suffrin:

„Toxibaby“. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 240 Seiten; 23 Euro.

Lesung: Dana von Suffrin stellt ihren Roman am Mittwoch, 29. April, um 19.30 Uhr bei Literatur Moths, Rumfordstraße 48, vor; Karten gibt es via Mail an moths@li-mo.com oder unter Telefon 089/29 16 13 26.

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