URAUFFÜHRUNG

Auf der Welle des Erfolgs

von Redaktion

Das Münchner Volkstheater zeigt den poetischen Tanzabend „Tide“

Mit großer Poesie: Anne Schwarzelt (li.) und Brooklyn Frances Odunsi Ifeacho in einer Szene von „Tide“ am Münchner Volkstheater. © Marcella Ruiz Cruz

So sehen sie dann wohl aus, diese oft zitierten Vorschusslorbeeren. Bereits vor der Uraufführung am Samstag waren alle acht Vorstellungen von „Tide“ ausverkauft, die das Münchner Volkstheater bis Ende Mai angesetzt hat. Wer Glück hat, ergattert vielleicht noch eine Restkarte – alle übrigen müssen warten; weitere Termine sind in Planung. Sollte das Ensemble deshalb unter Erwartungsdruck gestanden haben? Nichts davon ist bei der Premiere im Haus an der Tumblingerstraße zu spüren. Nach etwas mehr als einer Stunde gibt es Jubel und Standing Ovations.

Mit dieser Produktion setzt die städtische Bühne ihre Zusammenarbeit mit dem Kreativ-Duo Sophie Haydee Colindres Zühlke und Serhat „Saïd“ Perhat eindrucksvoll fort. Die beiden hatten in der vergangenen Spielzeit den Tanzabend „Grey“ choreografiert und inszeniert, der nach wie vor erfolgreich im Spielplan ist. „Tide“, also „Gezeiten“, geht noch einen Schritt weiter, ist poetischer, minimalistischer und theatraler als der Vorgänger.

Der Auftakt zitiert, vermutlich unbewusst, einen Abend, der vor zehn Jahren am Volkstheater herauskam. Sankar Venkateswaran, 1979 in Indien geboren, richtete damals „Tage der Dunkelheit“ ein. Eine wunderschöne Inszenierung, basierend auf dem Einakter „Urubhanga“ des indischen Dichters Bhasa. Das Spiel entwickelte sich aus einer kollektiven Atemübung, ähnlich dem Pranayama. Im Yoga schafft der Mensch dadurch Raum für neue Energie. Colindres Zühlke und Perhat lassen bei „Tide“ nun ihre elf Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne unter Anleitung einer (maximal meditativen) Stimme vom Band ebenfalls bewusst ein- und ausatmen, während das Publikum die Plätze einnimmt. Wie ein Wellengang strömt der Atem. Daraus entsteht schließlich ein fließender Übergang hinein in erste vorsichtige, tastende Bewegungen.

„Tide“ setzt sich tänzerisch-spielerisch mit dem Thema Strömungen auseinander. Da sind natürlich Ebbe und Flut, das Kommen und Gehen des Wassers. Das Nass ist außerdem zentrale Klangquelle im mal schwebenden, mal kernigen Soundtrack, den Konstantin Hofmann kreiert hat. Die Bühne 2 stellt hier ein weiteres Mal unter Beweis, wie gut dieser Raum klingen kann. Es geht aber nicht nur um das offensichtlich Fließende – vertanzt wird Symbolisches, Persönliches, Gesellschaftliches, Politisches.

Während es in „Grey“ noch Bühnenbauten gab, reduzierten Anne Schwarzelt und Brooklyn Frances Odunsi Ifeacho hier die Ausstattung. Die beiden nutzen die sechs höhenverstellbaren Podeste, um immer wieder neue Räume für das Ensemble zu schaffen. Getanzt wird eine aufregende Mischung aus Hip-Hop, Breakdance und Contemporary, bei der es durchaus humorvoll zugeht. In einer der schönsten Szenen stampfen Schwarzelt und Brooklyn Frances Odunsi Ifeacho im Takt – und lassen dadurch ihre am Boden liegenden Kollegen wie Wassertropfen hüpfen.

Die Geschichte entwickelt sich sehr organisch und in großer Gleichzeitigkeit der Aktionen. Selten kann das Auge wirklich alles wahrnehmen, was geschieht. Das Publikum wird also ebenfalls in einen Strom geworfen, einen Strom aus Eindrücken. Ja, das Volkstheater tanzt erneut auf einer Welle des Erfolgs.MICHAEL SCHLEICHER

Weitere Vorstellungen

bis 27. Mai sind alle ausverkauft; Restkarten gibt es mit etwas Glück. Unter www.muenchner-volkstheater.de kann man sich anmelden, um zu erfahren, sobald weitere Termine in den Vorverkauf gehen.

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