Mit „Call me” und anderen Songs schuf er Klassiker: Al Green. © Radio City Music Hall
Anfang der Siebzigerjahre ist Al Green der unumstrittene König eines Genres, das man vielleicht als Schlafzimmermusik bezeichnen könnte. Samtweicher Soul mit einem unwiderstehlichen Rhythmus, der zwei Menschen, die sich zueinander hingezogen fühlen, gewissermaßen sanft aufs Bett schiebt. Innerhalb von drei Jahren verzeichnet Green in den US-Hitparaden sieben Lieder in den Top Ten; fünf Alben, die er zwischen 1972 und 1974 veröffentlicht, werden mit Gold ausgezeichnet – damals ist das tatsächlich gleichbedeutend mit sehr viel verdientem Geld. Insgesamt verkauft Green mehr als 20 Millionen Tonträger.
Aber die Karriere stockt. Seine Freundin fügt ihm 1974 schwerste Verbrennungen zu, als er sich weigert, sie zu heiraten, und nimmt sich danach das Leben. Green stürzt in eine Sinnkrise und beschließt, Pastor zu werden. Sein Leben lang ist er zerrissen zwischen der Liebe zum „sündigen“ Rock and Roll und seiner tiefreligiösen Erziehung. Um zu ermessen, wie religiös Green erzogen wird: Als Teenager wird er vom eigenen Vater aus dem Haus geworfen, als er beim Hören des „weltlichen“ Stars Jackie Wilson erwischt wird. Erlaubt ist nur geistliche Musik.
Green nutzt die unverhoffte Freiheit, um selbst aufzutreten, und landet erste kleine Hits. Der legendäre Trompeter und Produzent Willie Mitchell entdeckt ihn und hilft dem jungen Al dabei, seine Stimme zu finden. Doch der sensationelle Erfolg erscheint Green nach der persönlichen Katastrophe schal. Als er 1979 auch noch von der Bühne stürzt, deutet er das als Wink Gottes und entsagt der weltlichen Musik. Fortan nimmt er nur noch Gospelplatten auf.
Freilich war seine Karriere zu dem Zeitpunkt ohnehin im Sinkflug – sein Schmusesoul wird als nicht mehr zeitgemäß empfunden. Zudem leidet sein Image. Immer wird Green beschuldigt, ein jähzorniger Schläger zu sein, was nicht so recht zum neuen Hauptberuf als Verkünder von Gottes Wort passen mag. Annie Lennox verschafft Green Ende der Achtziger etwas unverhofft mit dem Duett „Put a little Love in your Heart“ ein Comeback, gleich danach hat Green mit „The Message is Love“ gleich noch einen weltweiten Hit.
Greens Klassiker wie „Take me to the River“, „Let’s stay together“ oder „Call me” werden wiederentdeckt, und Nachgeborene verstehen sofort, was den Zauber dieser Musik ausmacht. Sie ist gewissermaßen selbsterklärend. Lieder, die Menschen zusammenbringen, funktionieren eigentlich immer. Al Green selbst erweist sich trotz aller persönlichen Widersprüche und zwischenzeitlicher Karriereflauten als unkaputtbar. Immer wieder kommt er zurück, immer wieder begeistern sich neue Generationen für seine Musik. Das ist nicht nur schmeichelhaft für Green, sondern kommt ihm auch finanziell gelegen – sieben Kinder muss man schließlich erst einmal durchbringen. Am heutigen Montag wird Al Green, Pastor, Soul-Legende und eine der grandiosesten Stimmen der populären Musik, 80 Jahre alt. Wir verneigen uns und danken für die Songs.ZORAN GOJIC