„Der Freistaat hat das Konzerthaus versprochen“, sagt Tabaré Perlas – hier auf dem Balkon des baufälligen Herkulessaals. Der 54-Jährige wechselte von Berlin nach München. © Ackermann
Zuweilen ist es schwieriger, einen Orchestermanager als einen Chefdirigenten zu finden. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) hat vor rund zwei Jahrzehnten zwiespältige Erfahrungen gemacht, als die Auserwählten nach kurzer Zeit wieder weg waren. Die Situation hat sich mittlerweile beruhigt. Tabaré Perlas folgt nun auf den langjährigen Manager Nikolaus Pont. Perlas, Jahrgang 1972, stammt aus Uruguay und war zuvor bei Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra in Berlin.
Was wird unter Ihnen jetzt anders?
Das erarbeiten wir mit dem Orchester gerade gemeinsam. Jedes Orchester muss sich weiterentwickeln, um relevant zu bleiben. Die Gesellschaft verändert sich, und mit ihr verändern sich die Hörgewohnheiten. Kern bleibt aber die Exzellenz, die das BRSO verkörpert. Und es gibt hier eine menschliche Komponente, die ich bei kaum einem anderen Ensemble erlebt habe. Wir sind jetzt schon sehr aktiv, was Musikvermittlung betrifft, aber wir können hier noch mehr tun. Es geht dabei auch um die mediale Präsenz. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir unsere Sichtbarkeit weiter ausbauen.
Der Konzertveranstalter Andreas Schessl hat unserer Zeitung kürzlich gesagt, dass sich Kulturanbieter zu wenig um die Senioren kümmerten. Ständig werde dagegen von Education-Programmen geredet.
Was wir feststellen, ist tatsächlich, dass der größte Teil unseres Publikums älter ist. Wichtig bleibt aber, dass wir Voraussetzungen dafür schaffen, damit die Menschen überhaupt Erfahrungen mit Musik machen können. Erst damit sorgen wir für das Publikum der Zukunft. Insofern müssen wir uns schon um die jungen Menschen kümmern. Wir müssen Lust wecken, auch bei den Kindern. Musik ist in den Familien und in den Schulen keine Selbstverständlichkeit mehr. Das versuchen wir auszugleichen. In Berlin hat Daniel Barenboim zum Beispiel 2005 einen Musikkindergarten gegründet, ebenso wie später das Projekt „Musikalische Grundschule“. Musik erleben bedeutet ja nicht, dass man nur etwas anhört. Musik muss aktiv angewandt werden, ähnlich wie Deutsch oder Mathematik.
Wenn Sie die Münchner Saal-Situation bedenken: Haben Sie das Gefühl, auf einer Baustelle gelandet zu sein?
Schön wär’s, wenn wir schon eine Baustelle für das neue Konzerthaus hätten! Aber im Ernst: Es ist nicht leicht. Sorgen bereitet mir das schon. Es gibt in München einen Kontrast zwischen dem extrem hohen Niveau der Musikkultur und der Saal-Situation. Die Isarphilharmonie ist ein gutes Interim, der Akustiker Toyota hat gute Arbeit geleistet. Aber infrastrukturell gibt es große Defizite. Der Herkulessaal ist in die Jahre gekommen. Die große Hoffnung ist, dass das Konzerthaus kommt. Der Freistaat hat es versprochen, es ist im Koalitionsvertrag verankert. Kürzlich haben wir zusammen mit Simon Rattle hierzu ein positives Gespräch mit Kunstminister Markus Blume geführt.
Glauben Sie daran, dass der BR in 20 Jahren noch drei Klangkörper hat?
Ja, selbstverständlich. Der BR hat zwei Orchester, die zwei ganz unterschiedliche Rollen ausfüllen, und einen exzellenten Chor. Daher bin ich überzeugt, dass diese Klangkörper Kernbestandteil des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags bleiben, weil wir aktiv herausstellen, was wir leisten, welchen Mehrwert wir der Gesellschaft bieten. Diese Ensembles erfüllen eine wichtige Funktion für das Live-Publikum sowie für die Zuhörerinnen und Zuhörer der Sender.
Was das Kulturleben betrifft, gelten Süddeutschland und Österreich als Inseln der Seligen. Ist es leichter, hier zu arbeiten?
Das hoffe ich sehr! Bayern legt zu Recht Wert auf seinen Ruf als Kulturstaat. In Berlin habe ich einige Jahre an der Staatsoper gearbeitet, aber die längste Zeit für das West-Eastern Divan Orchestra. Ein solches Ensemble aus israelischen und arabischen Musikerinnen und Musikern zusammenzubringen, war und ist immer eine Herausforderung. Insofern bin ich an Schwierigkeiten gewöhnt.
Sie sind ein Künstler-Manager. Was machen Sie besser als andere?
Das kann ich nicht sagen. Bei mir war eher die Frage: Was mache ich musikalisch schlechter als andere…?. Ich habe in Weimar Orchesterdirigieren studiert, mich aber auch mit Kulturmanagement beschäftigt. Ich hatte einfach die beiden Interessen. Als ich Daniel Barenboim vor 27 Jahren kennenlernte, wurde mir klar, was Dirigieren wirklich bedeutet. Und ich kam zum Schluss, dass dies nicht das ist, was ich der Menschheit geben kann. Ich habe im Management meine Berufung gefunden und bereue die Entscheidung nicht. Ganz im Gegenteil. Für mich als Manager ist es wiederum wichtig, mich ganz in den Dienst der Musik zu stellen. Das künstlerische Ergebnis ist der Maßstab unserer Arbeit.