PREMIERE

Da vergeht einem das Lachen

von Redaktion

Die Münchner Schauburg zeigt eine kluge Theaterversion des Klassikers „Timm Thaler“

Sehnsucht nach einem besseren Leben: Szene aus der Inszenierung von Kilian Bohnensack mit (v.li.) Annelie Straub, Maya Haddad und Hardy Punzel. © Armin Smailovic

„Herrlich! Was für ein Lachen, da solltest du gut drauf aufpassen“, mahnt der zwielichtige Fotograf Signore Grandizzi (Janosch Fries) den jungen Timm Thaler (Hardy Punzel), der mit seinem Vater (Tom Gerhartz) ein Pferderennen besucht und auf das falsche Pferd setzt. Gleich zu Beginn dieser Neuproduktion wird klar: Hinter scheinbar harmlosen Sätzen verbergen sich trügerische Wahrheiten. Auch das Erinnerungsfoto dieses „herrlichen Tages“ kippt ins Tragische, als der Vater noch in derselben Nacht bei Bauarbeiten stirbt. Nichts ist, wie es scheint.

Fluch und Segen, Gewinn und Bürde liegen eng beieinander in dieser Bühnenadaption von Lukas März, basierend auf dem Roman von James Krüss (1962) – dem berühmten Helgoländer, dessen 100. Geburtstag sich am 31. Mai jährt und der auch in seiner Wahlheimat München vielerorts gefeiert wird. Der vielfach adaptierte Kinderbuchklassiker erweist sich in der Inszenierung von Kilian Bohnensack als erstaunlich gegenwärtig: Themen wie soziales Unrecht, Kapitalismus und Chancenungleichheit werden präzise verhandelt. Getragen wird das von einem durchweg starken Ensemble. Und einmal mehr zeigt sich: Kinder treffen oft die weiseren Entscheidungen als Erwachsene.

Im Zentrum steht ein heikler Handel: Timm, ein Junge aus ärmlichen Verhältnissen, sehnt sich nach einem besseren Leben und lässt sich vom ominösen Baron Lefuet mit süßen Versprechungen in einen „goldenen Käfig“ locken. Die mephistophelische Figur erkennt den Wert von Timms unverstelltem Lachen, das die Herzen berührt, und macht ihm ein verhängnisvolles Angebot: grenzenloser Gewinn im Tausch gegen sein Lachen – und damit seine Authentizität, seine Würde. Timm willigt ein, zu groß ist die Verlockung. „Und wofür braucht man sein Lachen in diesen trüben Zeiten.“ Doch der Preis ist hoch. „Der reichste Junge der Welt hat keine Freunde“, stichelt der Baron, dessen Name nicht zufällig ein Anagramm ist: Teufel. Timm begreift, dass wahre Freunde mit Geld nicht zu kaufen sind, aber durch Freundlichkeit sehr wohl.

Den rasanten Schlagabtausch über Reichtum, Hinterhalt und Verhängnis tragen insbesondere Simone Oswald in ihrer Paraderolle als vielschichtig-boshafte Figur Lefuet und Hardy Punzel als Timm Thaler mit großer Intensität. Ihnen zur Seite steht ein fantasievoll gestalteter Bühnenraum von Ella Hölldampf, dessen wandelbare Drehbühne immer neue frische Bilder ermöglicht und auch Fische im Miniatur-Heißluftballon regnen lässt. Sophia Schneider steuert dazu ebenso originelle wie skurrile Kostüme zwischen Marie Antoinette, Barbie und Golden Girls bei.

„Es gibt keine geborenen Gewinner und Verlierer“, heißt es in einer der Kernbotschaften des omnipräsenten Vaters – entscheidend ist, wofür man sich entscheidet. Am Ende belohnt das Publikum diese kluge, eindringliche Inszenierung mit großem Applaus. Sie ist rundum sehenswert – für kleine und große Zuschauer.ANNA BEKE

Nächste Vorstellungen

am 14., 15., 16., 17., 18. April; Telefon: 089/233 73 71 55.

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