Mit Brönner übern Brenner

von Redaktion

Jazz-Star begeistert in der Isarphilharmonie mit seinem Italien-Programm

Ohne Scheuklappen: Trompeter Till Brönner. © brönner

Zum Finale also Italo-Disco pur, warum auch nicht. Ein Medley aus „Dolce Vita“ und „L’Italiano“ lässt die rappelvolle Münchner Isarphilharmonie tanzen, und gäbe es da nicht mittendrin diesen einzigartig bezirzenden Ton einer Jazztrompete, käme man nicht auf die Idee, gerade einem Konzert von Till Brönner beizuwohnen.

Brönner hat schon vor langer Zeit das größte Verbrechen begangen, das die Jazz-Polizei kennt: Er hat Erfolg. Große Hallen statt stickiger Kellerbars, Platten, die massenhaft gekauft (beziehungsweise gestreamt) werden, Popularität, die sogar der „Bunten“ mal eine Geschichte wert ist. Das kann nicht gut sein, weil Jazz anstrengend, dem Massenpublikum unzugänglich sein muss. Brönner, mittlerweile Mitte 50, ist das alles schon sehr lange sehr egal. Er ist nicht nur ein außergewöhnlicher Trompeter und Jazzer, sondern auch, sehr bewusst, ein Entertainer: Den Vorwurf, gefällig geworden zu sein, empfindet er mutmaßlich als albern. Musik zu machen, die Menschen gefällt, ist nichts, woran er etwas Schlechtes finden kann.

Brönners Ansatz bei seiner aktuellen Konzertreise ist ein schönes Beispiel dafür, wie wenig er sich mit kleingeistigem Nischendenken aufhalten mag. Es dreht sich alles um sein Sehnsuchtsland Italien, und er spielt einfach, was ihm gefällt. Das kann man ihm ruhig abnehmen. Jemand, der das Titellied der wunderbaren, aber hierzulande völlig vergessenen Zeichentrickserie „Herr Rossi sucht das Glück“ ins Programm nimmt, tut es, weil er die Serie als Kind mochte und das Lied nie wieder aus dem Kopf bekommen hat.

Die Auswahl ist offensiv uneinheitlich, um es mal so auszudrücken. Filmmusik von Nino Rota oder Ennio Morricone ist ebenso vertreten wie das unverwüstliche „Parole Parole“ von Mina oder, ja tatsächlich, „Volare“. Das immerhin in einer Bebop-Version, an der sogar Miles Davis Spaß gehabt haben könnte. Die exquisite Band und das technisch makellose Spiel von Brönner halten alles mühelos zusammen. Lediglich bei der reichlich merkwürdigen Fassung von „Via con me“, im Original von Brummbär Paolo Conte, verliert Brönner ausnahmsweise seinen Instinkt für das Machbare, das Stück klingt nach Loungemusik auf einem Kreuzfahrtschiff. Es ist der einzige Aussetzer dieses Abends voller hübscher Momente.

Der schönste womöglich ist, als der vormalige „Supertalent“-Teilnehmer Ricardo Marinello als Gast „Caruso“ vom in Italien kultisch verehrten Lucio Dalla singt. Nur das Piano, Brönners zurückgenommenes Spiel und eine wohlklingende Tenorstimme. Zum Sterben schön.ZORAN GOJIC

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