PREMIERE

Wer spricht denn da?

von Redaktion

Das Staatstheater Nürnberg und sein ungewöhnlicher „Freischütz“

Von Geistern und anderen Mächten umgeben – manchmal auch nur von Stimmen: Agathe (Julia Grüter) und Max (Tristan Blanchet). © Ludwig Olah

Echte Kerle brauchen die Front. Und wo nicht mehr scharf geschossen wird, pflegt Mann eben seinen Sport-Krieg, als Paintball-Schütze zum Beispiel. Pech für Max: Auch hier zielt er daneben. Ein Loser. Und offensichtlich schwer traumatisiert. Der Kerl ist umgeben von Stimmen aus dem Off, leise, flüsternd, langsam – wer will da nicht an der Welt verzweifeln? So wie es viele Regisseure an Carl Maria von Webers „Freischütz“ tun. Schauermärchen, deutscher Wald, hölzerne Dialoge, Johotrallala-Volkstum, ein Feinsliebchen, das man nur nach erfolgreichem Probeschuss ehelichen darf, alles vom Teufel bedroht, die Melange funktioniert heute nur bedingt. Womöglich ist die Diagnose schlimmer: Der einstige Opern-Hit ist kaum mehr inszenierbar, so wie übrigens Beethovens „Fidelio“.

Jossi Wieler und Sergio Morabito, in ewiger Symbiose verbundenes Regie-Duo, haben ihren Kniff mit den fremdgesprochenen Texten schon einmal ausprobiert, just beim „Fidelio“, 2015 in Stuttgart. Jetzt, beim Nürnberger „Freischütz“, passiert es wieder. Sängerinnen und Sänger dürfen singen, aber nicht live parlieren, die Texte wurden vorab (teils mit Schauspielern) im Studio produziert. Das Ergebnis: Eine surreale, irritierende, befremdliche Stimmung legt sich über die zweieinhalb Stunden.

Der Vorteil: Normalerweise retten sich Opernstars mühevoll sprechend in die nächste Gesangsnummer, hier verbreitet das Sottovoce-Flüstern Angst und Bedrohung. Der Nachteil: Spätestens nach der Pause wird alles vorhersehbar, die Aufführung hängt durch. Dabei ist alles, typisch Wieler/Morabito, fein gearbeitet. Ungewollte Peinlichkeit, wie sie in gefühlt 80 Prozent aller „Freischütze“ passiert, gibt es in Nürnberg nicht.

Ihre Verfremdung spiegelt sich im Bühnenbild wider, Nina von Mechow hat dafür zweidimensionale Elemente fertigen lassen. Wie Laubsägearbeiten oder barocke Kulissenteile, der Mal-Stil erinnert an einen Comic: „Der Freischütz“ als Graphic Novel mit Flecktarnkerlen, in der das Böse anfangs ein Video-Schatten ist und surrend hereinfliegt – es ist eine Drohne. Ob das Symbol für den Teufel taugt? Vielleicht muss man Jugendliche und Familienväter mit Fernbedienungen mal vergessen. Es gibt Gegenden, wo diese Flugobjekte tatsächlich den Tod bringen – so, wie es in der Wolfsschluchtszene auf den Kriegsfilmschnipseln von Voxi Bärenklau zu sehen ist. Eine Video-Collage, die uns mitten in die „Tagesschau“ katapultiert.

Dirigent Roland Böer schaltet dazu passend mit der Staatsphilharmonie Nürnberg eineinhalb Gänge herunter. Details werden ausformuliert, Mixturen klug abgeschmeckt, die Bläser-Streicher-Balance ist musterhaft. Webers Partitur schwitzt nicht, dafür gibt es einiges für die Connaisseurs. Und manchmal zu wenig von Sängerinnen und Sängern zu hören: Die Bühne ist viel zu offen, die Stimmen verschaffen sich kaum Resonanz. Veronika Loy als zart timbriertes Ännchen hat anfangs darunter zu leiden, auch Tristan Blanchet als textgenauer, beherzter, etwas tenorschmaler Max.

Dafür gibt es mit Seokjun Kim einen nachtschwarzen, wuchtigen Kaspar und mit Julia Grüter eine herausragende Agathe, die viele Rollen-Kolleginnen in den Schatten stellt. Man weiß gar nicht, was man zuerst loben soll: die ausgeglichene, in jeder Lage unverspannte Stimme, die Atemkontrolle, das Textbewusstsein, auch die subtile Dosierung im Spiel, wo sich leise Komik, Irritation und Tragödie die Waage halten.

Der teuflische Samiel als KI-Stimme

Wieler/Morabito zeigen Agathe und Ännchen wesensgleich, ob Schwestern oder zwei Hälften einer Person, man weiß es nicht genau. Vieles wird angedeutet, anderes nicht zu Ende geführt wie im Falle von Bauer Kilian. Der ist ein langhaariger queerer Außenseiter, der sich in Max verknallt und mit einem Messer zum Finale in einen Baum flüchtet. Suizid aus Liebeskummer? Es ist das vielleicht größte Problem der Produktion: Wieler/Morabito gestalten aus der Draufsicht. Ihr „Freischütz“-Personal besteht aus Schachfiguren, die sich per Regie-Anweisung bewegen, weniger aus innerer Motivation. So sehr man dranbleibt an dieser Aufführung, so deutlich wird doch, wie das Konzept eine Entpersönlichung betreibt. Aber womöglich ist das auch Programm und führt im Falle des teuflischen Samiel vor, wohin alles führt: Der tönt nur noch als KI-Stimme aus den Lautsprechern.

Nächste Vorstellungen

am 18., 29. April, 24., 31. Mai; Telefon 0911/660 69 60 00.

Artikel 2 von 11