„München ist ein sakraler Ort“

von Redaktion

Pablo Heras-Casado über sein breites Repertoire und sein Debüt an der Staatsoper

Im Akademiekonzert der Staatsoper dirigiert Pablo Heras-Casado heute und morgen die erste Symphonie von Brahms und „Les Nuits d’été“ von Berlioz (mit Christian Gerhaher). © J. Adam

Der Mann ist auf dem Musikmarkt sehr gefragt. Pablo Heras-Casado, 1977 im spanischen Granada geboren, ist für seine außergewöhnliche stilistische Bandbreite bekannt – von Monteverdi bis Wagner, 2028 dirigiert er in Bayreuth die Neuproduktion des „Rings“. Nun debütiert er im Rahmen eines Akademiekonzerts an der Bayerischen Staatsoper, in der kommenden Saison wird er hier auch Wagners „Parsifal“ leiten.

Was reizt Sie an einem Orchester mit einer so langen Tradition?

Eigentlich alles. Man spürt eine besondere Kultur im Klang – in der Art zu spielen, aber auch in der Art, einander zuzuhören. Gleichzeitig ist das Ensemble als Opernorchester extrem vielseitig. Diese Verbindung aus Flexibilität und einer so verfeinerten Spielkultur macht es zu einer großen Freude und Ehre, mit diesem Orchester zu musizieren. Und natürlich lebt in seinem Klang auch die Geschichte mit Dirigenten wie Carlos Kleiber und vielen anderen großen Persönlichkeiten weiter.

Das Programm des Akademiekonzerts verbindet Berlioz mit Brahms – zwei sehr unterschiedliche romantische Klangwelten. War gerade dieser Kontrast der Ausgangspunkt?

Ja, genau. Als wir über das Programm gesprochen haben, hat mich gerade dieser Kontrast interessiert – und gleichzeitig der sehr unterschiedliche Lyrismus dieser Musik. Bei Berlioz ist er eher intim, bei Brahms verbindet er sich mit großer dramatischer Kraft. Vielleicht gibt es dennoch einen entfernten gemeinsamen Bezug: Beide Komponisten stehen – auf sehr unterschiedliche Weise – im Schatten Beethovens.

Brahms’ Erste ist ja berühmt als angeblich „Beethovens Zehnte“. Hören Sie das auch so?

Beethoven war natürlich ein gewaltiger Bezugspunkt für Brahms – eigentlich für alle Komponisten nach ihm. Deshalb hat Brahms so lange gezögert, bevor er seine erste Symphonie schrieb. Aber wenn ich dieses Werk höre, höre ich vor allem Brahms: seine eigene Stimme, seinen eigenen Charakter. Es gibt strukturelle Verwandtschaften mit Beethoven, aber am Ende ist es eindeutig Brahms.

In Deutschland werden Sie auch durch Ihre Dirigate in Bayreuth verstärkt als Wagner-Dirigent wahrgenommen. Im 19. Jahrhundert wurde aus dem Verhältnis Wagner und Brahms beinahe eine Glaubensfrage: Entweder ist man Wagnerianer oder Brahms-Anhänger. Gehört das heute ins Museum?

Ich glaube, diese Gegenüberstellung spielt heute keine wirkliche Rolle mehr. Natürlich gibt es weiterhin eine starke Wagner-Tradition. Aber es ist kein Streit mehr. Beide gehören zu einer der glanzvollsten Epochen der deutschen Musik, nur mit sehr unterschiedlichen Wegen.

Ihr Repertoire ist auffallend breit – in einer Zeit, in der sich viele Dirigenten spezialisieren. Empfinden Sie sich als bewusstes Gegenmodell?

Eigentlich hat sich das ganz organisch ergeben. Für mich gab es immer einfach nur Musik. Während des Studiums habe ich immer neues Repertoire entdeckt und mich für ganz unterschiedliche Dinge begeistert. Ich habe eher versucht, nicht zu einem Spezialisten zu werden.

Wenn man so weit in die Musikgeschichte zurückgeht: Was lernt ein Dirigent bei Monteverdi oder Schütz, das ihm später bei Brahms oder Wagner tatsächlich hilft?

Im Grunde alles. In der westlichen Musik kommt alles aus der Vergangenheit. Musik besitzt eine eigene Rhetorik, selbst ohne Text. Es geht immer darum, eine Geschichte zu erzählen: durch Phrasierung, Artikulation, Spannung und Entspannung in der Harmonie. Die Stile verändern sich, aber die Grundprinzipien bleiben erstaunlich konstant.

München ist ein besonderer Ort der Musikgeschichte, gerade für Wagner – hier wurden „Rheingold“, „Tristan“ und die „Meistersinger“ uraufgeführt. In der kommenden Spielzeit dirigieren Sie hier auch „Parsifal“. Spürt man diese Geschichte, wenn man an diesem Ort arbeitet?

Ja, sehr. Es fühlt sich ein wenig an wie ein besonderer, fast sakraler Ort – wie ein Tempel oder eine Kirche. Man ist sich dieser Geschichte sehr bewusst. Interessanterweise habe ich München schon oft besucht, war aber noch nie im Nationaltheater. Das ist meine erste Begegnung mit diesem historischen Raum – und auf die freue ich mich sehr.

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