AUSSTELLUNG

Nackte Tatsachen

von Redaktion

Das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte zeigt die Schau „unbekleidet/ausgezogen“

Retuschiert: Michelangelos „David“. © Archiv Bruckmann

Weites Feld: Literatur zum Thema „Akt“ im Zentralinstitut für Kunstgeschichte. © Business Graphics

Natürlich sind viele Statuen, Torsi, Büsten oder Fotografien von Menschen ohne Kleidung zu sehen. Aber eigentlich, betont Dominik Brabant, Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, geht es in der neuen Ausstellung „unbekleidet/ausgezogen“ seines Hauses vielmehr um die Erforschung des Aktes in der Kunstgeschichte. Klingt ziemlich trocken. Entpuppt sich aber nach einem Blick über Infotafeln, sorgfältig ausgesuchte Exponate und mit Originalabbildungen üppig gefüllte Vitrinen im ersten Stock des Instituts an der Katharina-von-Bora-Straße als eine Schau, wie sie aktueller kaum sein könnte. Denn tatsächlich befasst sich das Kuratorenteam um Brabant nicht nur mit der von Beginn an umstrittenen Kunstdisziplin allgemein, sondern mit den Deutungsansätzen über Epochen und Medien hinweg.

Seit der Antike war der Akt in Malerei, grafischen Künsten und Bildhauerei stets dem herrschenden Idealbild, dem Geschmack wie den jeweiligen Moralvorstellungen unterworfen. Weshalb die Darstellung des menschlichen Körpers nie nur Abbildung war und ist, sondern immer auch Spiegelbild einer Epoche und Symbol eines oftmals höchst umstrittenen Denkansatzes. Die Ausstellung spannt in 13 Kapiteln einen Bogen von Johann Joachim Winckelmanns Interpretationen antiker Statuen über nationalsozialistische und postkoloniale Perspektiven bis zu feministischen und queeren Debatten der jüngsten Zeit. Was ist heute überhaupt zeigbar, was muss momentan im Giftschrank der Kunstgeschichte bleiben – und was am besten für immer? Der Titel „unbekleidet/ausgezogen“ verweist auf das Spannungsfeld zwischen negativer Konnotation und ungezwungener Natürlichkeit, zwischen Normalität und dem künstlichen Zustand des Unbekleidet-Seins bei Aktmodellen.

Mehrere Vitrinen und Stelen wurden Aktdarstellungen jenseits der Heteronormativität gewidmet. Bereits in der Bildersprache der Renaissance finden sich klar homoerotisch grundierte Apoll- oder Dionysos-Gemälde. Das lasse zwar keine verlässlichen Rückschlüsse auf die erotischen Begierden des jeweiligen Künstlers zu, verdeutliche aber die Selbstverständlichkeit, in der man damals jede Form von Erotik wahrnahm. In den vergangenen Jahren hat sich die Überzeugung einer Notwendigkeit des „Queering“ von wissenschaftlichen Diskursen durchgesetzt. Entsprechend sind Zusammenfassungen aktueller Sensibilisierungen und daraus resultierender Debatten in der Schau prägnant zusammengefasst. Was den Blick auf manche antike Statue ebenso verändert wie auf Gemälde von Caravaggio bis Robert Mapplethorpe.

An einer Medienstation kann man anhand von Aktdarstellungen aus vielen Epochen weitere Informationen sowie Interpretationen finden: Immer mit Datumsangaben versehen, lässt sich jede Einordnung stets als Sicht ihrer Zeit erkennen.

Wie stark auch die Globalisierung Nacktheit inzwischen geprägt hat, lässt sich jeden Sommer im Freibad erkennen. Die immense Nutzung von KI und Bildbearbeitung, von Online-Pornografie und Deep Fakes verändert unsere Vorstellungen von dem, was privat ist und was öffentlich. Welche Folgen dies für die Kunst haben wird, ist noch nicht abzusehen. „unbekleidet/ausgezogen“ gibt zumindest einen kleinen Vorgeschmack. Weiterdenken erwünscht.ULRIKE FRICK

Bis 2. Oktober,

Mo.-Fr. 10-20 Uhr, Katharina-von-Bora-Straße 10; Eintritt frei.

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