Zuneigung statt Zuckerguss

von Redaktion

Jonas Kaufmanns Operetten-Programm in der Münchner Isarphilharmonie

Champagner klingt anders. Jonas Kaufmanns Operettenabend in der Isarphilharmonie lebt nicht von vokaler Unwiderstehlichkeit, wohl aber von der echten Zuneigung eines Weltstars zu einem Genre, das zu oft entweder belächelt oder in Zuckerguss ertränkt wird. Denn was zunächst wie PR-satte Gala-Maschinerie anmutet, ist eine unprätentiöse Liebeserklärung. Seine kleinen Moderationen haben etwas angenehm Wohnzimmerhaftes, gerade weil sie ganz ohne Starrummelpose auskommen. Das nimmt sofort für ihn ein.

Auf dem Programm stehen Gassenhauer wie „Komm mit nach Varasdin!“ oder „Grüß mir mein Wien“, Letzteres ungewohnt auf ungarisch, daneben aber auch manche Preziose von Ferenc Erkel und Karl Goldmark. Auch solche Repertoirepflege adelt den Abend. Malin Byström ist als Kaufmanns sängerischer Sidekick dabei mehr als bloße Tanzpartnerin für die obligatorischen Walzerseligkeiten: Verlässlich liefert die Schwedin Erstklassiges, auch wenn ihr auf Höhe zugespitzter, dramatisch grundierter Sopran dabei bisweilen etwas die Linie preisgibt.

Doch der Abend kreist natürlich um Kaufmann – und um eine Stimme, der man ihr schweres Gepäck inzwischen deutlich anhört. Die Höhe ist da, doch sie trägt den Beigeschmack des hart Erkämpften. Die eigentliche, immer noch ungeheuer klangschöne Stimmkraft sitzt längst tiefer – ein natürlicher Prozess, über den auch das frisch nachgefärbte Haupthaar nicht hinwegtäuscht. Dazwischen viel Sotto voce, viel Randstimme, viel von jenem hauchfahlen Klang, der einmal als Raffinement faszinierte und nun bisweilen auch nach Schonung klingt. Wagner und Verismo fordern irgendwann eben ihren Zoll.

Und wo es eng wird, rettet der Tonmeister. Wäre die Mikrofonierung nur ein Mittel gegen die schmelzarme Akustik der Isarphilharmonie, ließe sich das ästhetisch einpreisen. So aber ist es nicht selten die Technik, die den Sänger über ein Orchester hinwegträgt, das unter Jochen Rieder oft allzu pflichtschuldig begleitet und in dynamisch-flexibler Gestaltung nicht selten unkonzentriert wirkt. Die Philharmonie Baden-Baden spielt zwar solide, aber auch farblich unerquicklich indifferent: weder wirklich süffig noch mit großem Sinn für die oft unterschätzte Raffinesse gerade der Lehár-Partituren.

Keine musikalische Sternstunde also. Aber Kaufmanns Zuneigung zu diesem Genre ist so unverstellt, dass der Abend am Ende trotzdem gewinnt.WILLI PATZELT

Artikel 3 von 11