„Ich war immer furchtlos“

von Redaktion

Isabelle Huppert über ihren neuen Film „Die reichste Frau der Welt“

Schauspiel-Legende Isabelle Huppert zeigte sich im Gespräch recht spröde und zugeknöpft. © Agency People Image USA

Sie ist eine wahre Ikone: Isabelle Huppert hat mehr als 150 Filme gedreht und dafür über 100 Preise gewonnen. Am Donnerstag läuft ihr neuer Film „Die reichste Frau der Welt“ im Kino an, der vom Skandal um die L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt inspiriert ist. Huppert verkörpert darin die Titelrolle der Marianne, die sich von dem dandyhaften Fotografen Pierre-Alain, gespielt von Laurent Laffite, rund eine Milliarde Euro abluchsen lässt. Vor unserem Vier-Augen-Gespräch in einem Berliner Studio wird mehrfach mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass das Alter von Frau Huppert keinesfalls veröffentlicht werden darf. Das ist auch gar nicht nötig; wer sich dafür interessiert, findet alle Informationen im Internet. Die Schauspiel-Legende selbst lümmelt sich wie ein junges Mädchen in Straßenschuhen auf ein Sofa und präsentiert sich im Gespräch ziemlich spröde und zugeknöpft.

Laurent Lafitte hat Pierre-Alain beschrieben als „eine vampirhafte Mischung aus Tartuffe und Don Juan“. Wie würden Sie Ihre Filmfigur charakterisieren?

Anfangs erscheint mir Marianne wie ein Objekt. Durch die Begegnung mit Pierre-Alain wird sie plötzlich zum Subjekt: Sie allein trifft die Entscheidung, als Mäzenin aufzutreten, ihm eine Riesensumme Geld zu geben und so zu seiner künstlerischen Verwirklichung beizutragen.

Wenn Sie tatsächlich eine der reichsten Frauen der Welt wären und mit Ihrem Geld viel Gutes tun könnten: Wen oder was würden Sie am liebsten unterstützen?

Ich besitze nicht genug Fantasie, um mir vorzustellen, dass ich die reichste Frau der Welt sein könnte. (Pause.) Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Aha. Nun, immerhin betreiben Sie in Paris zwei Kinos, in denen fast ausschließlich Klassiker gezeigt werden. Da könnte man vermuten, Ihnen wäre an der Förderung der Filmkunst gelegen.

Ich bin nur die Eigentümerin. Für die Programmgestaltung ist mein Sohn Lorenzo zuständig. Damit habe ich nichts zu tun.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass das Kinopublikum bei Marianne unweigerlich an eine bestimmte Milliardärin denken wird?

Ich habe versucht, die realen Ereignisse komplett auszublenden. Ganz vergessen konnte man das nicht, denn der Prozess um die Entmündigung von Liliane Bettencourt war in Frankreich in aller Munde. Allerdings kennt man im Prinzip nur das Ende der Geschichte. Unser Film erzählt sie hingegen von Anfang an: Wir nähern uns den Ereignissen quasi nicht durch die große Pforte des öffentlichen Skandals, sondern durch eine kleine private Tür.

Im Film tragen Sie rund 70 verschiedene Kostüme. Wurde das Umziehen zu einem zentralen Teil Ihrer schauspielerischen Arbeit?

Ja, aber ich habe das nicht als Arbeit empfunden. Die Kostüme haben mir den Zugang zu meiner Figur erleichtert; sie spiegeln nicht nur ihren Reichtum wider, sondern tragen zur Atmosphäre bei und erzählen von einem Wandel: Dank Pierre-Alain kleidet sich Marianne auf eine zunehmend stilvollere, künstlerischere Weise.

Der Film ist vor allem zu Beginn sehr lustig. Glauben Sie, Humor ist – wie eine Art Trojanisches Pferd – ein guter Weg, um dem Publikum ernste Themen wie Antisemitismus und Kollaboration mit den Nazis unterzujubeln?

Ja, ich fand es sehr clever, das Ganze mit den Elementen einer Komödie zu servieren. Es hat Spaß gemacht, das zu spielen.

Sie verkörpern oft komplexe Charaktere, die eher kalt und unsympathisch wirken. Auch Marianne scheint nicht sonderlich liebenswert. Hatten Sie nie Sorge, das Publikum zu verlieren?

Ich glaube, ich habe es dadurch vielmehr gewonnen. Mich interessiert es, vielschichtige, ambivalente Figuren zu kreieren. Ob irgendwer diese Charaktere sympathisch findet, ist mir völlig egal.

Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Was würden Sie im Nachhinein gern anders machen?

Nichts.

Inwieweit hat sich Ihre Arbeitsweise verändert, seit Sie mit 18 erstmals vor der Kamera standen?

Überhaupt nicht. Warum sollte sie das?

Nun, schließlich sind seither 55 Jahre vergangen, in denen Sie mit Regisseuren wie Michael Haneke und Claude Chabrol zusammengearbeitet haben…

Na und? Ich habe noch nie von irgendjemandem irgendetwas gelernt. Und ich war schon zu Beginn meiner Karriere ebenso furchtlos wie heute. Vor der Kamera zu agieren, ist mir immer extrem leichtgefallen.

François Ozon hat über Sie gesagt: „Isabelle will von einem Regisseur nichts wissen – außer, wo sie stehen soll.“

Stimmt. Regisseure sollen mir nicht meine Filmfigur erklären, sondern mich einfach meine Arbeit machen lassen. Ich gehe den Weg, den mir der jeweilige Film vorgibt.

Heißt das, wenn man versucht, Ihnen Regieanweisungen zu geben, machen Sie trotzdem, was Sie wollen und für richtig halten?

Ich würde nicht sagen, dass ich das tue, was ich tun will. Ich tue das, was zu tun ist. Das ist ein großer Unterschied!