Diese Strauss-Lieder wollen einfach bloß schön sein – und Dirigent Christian Thielemann lässt sie glühen. Mit der Staatskapelle Berlin macht er aus dieser Folge von Verführung bis Waldseligkeit keinen bloßen Nummernabend, sondern einen einzigen, klug gesteigerten Gang durch die Temperaturzonen von Liebe und Innerlichkeit: Nacht, Sehnsucht, Rückzug, Aufschwung, Verklärung.
Bekanntes steht dabei neben erfreulich Rarem. Und wie Thielemann diese ungeheuer betörenden Klangfarben mischt, ist ein Erlebnis: fein ausgehörte Piani, satte Übergänge, oft ein erstaunlich flottes Vorwärts, dazu immer wieder diese lässige Lust, auch das obere Lautstärkeende der Isarphilharmonie nicht bloß zu streifen, sondern entschlossen mitzunehmen.
Julia Kleiter ist dabei ein Glücksfall. Ihr Sopran hat lyrische Schlankheit und zugleich genau jene deklamatorische Spannkraft, die Strauss braucht. Sie singt Linie und spricht doch aus ihr heraus; nichts wird parfümiert, nichts bloß geschniegelt. Das bleibt beweglich, leuchtend, textwach.
Konstantin Krimmel setzt dagegen ein dunkel fokussiertes, kultiviertes Baritonmaterial, sauber geführt, mit kluger Wortbehandlung. Nur büßt die Stimme in zugespitzten Höhenlagen bisweilen etwas Kern ein; überhaupt bleibt das sehr kontrolliert, sehr ordentlich, manchmal fast ein wenig zu wohlerzogen.
Nach der Pause gelingt eine starke „Beethoven 6“. Gerade die ersten beiden Sätze: herrliches Naturweben, atmend, flirrend, voller innerer Bewegung. Thielemann philosophiert das Landleben nicht tot, er hält es in Schwingung. Und „Egmont“ als Rausschmeißer: perfekt gebaut, scharf konturiert, mit elektrischer Angriffslust. Ein großer Abend!WILLI PATZELT