Träumerle und Rock’n’Roller

von Redaktion

Tame Impala in der Olympiahalle

„Ich habe mich in euch verliebt!“ Kevin Parker von Tame Impala auf der Bühne der Olympiahalle. © Martin Hangen

Kevin Parker geht dann mal pinkeln. Das Konzert von Tame Impala ist eine Dreiviertelstunde alt, da verlässt der Chef die Bühne, während seine Band spielt. Den Kameramann hat er im Schlepptau, und so folgt das Publikum in der ausverkauften Olympiahalle dem Australier auf der Videoleinwand, wie er minutenlang durch die Katakomben schlurft und endlich in ein Herrenklo einbiegt, am Urinal parkt, dann Hände wäscht, die verschwitzten Strähnen richtet und schließlich zurückmarschiert. Er taucht am anderen Ende der Halle wieder auf – auf einer Mini-Bühne, wo er sich als DJ betätigt.

Das ist schon der zweite ziemliche Rock’n’Roll-Moment dieses Abends, den man Parker gar nicht zugetraut hätte. Denn Tame Impala sind bekannt für ihre vernebelte Mischung aus tosend-psychedelischem Träumerle-Pop mit Falsett-Stimme und Disco-Grooves, die vorwiegend Pärchen und Gruppen junger Frauen in die Halle gezogen hat. Rock’n’Roll-Moment eins war, als er zuvor gemütlich eine Zigarette quarzte, um dann zu „Elephant“ anzusetzen, einem stampfenden Hardrock-Monster in der Tradition von Black Sabbath.

Tatsächlich hat das Sextett so ziemlich die gesamte Pop-Historie in seinem Stoffwechsel (optisch kommt es rüber wie Supertramp 1983). Die neuen Stücke, etwa „Dracula“ oder „Afterthought“, klingen, als hätte man den scheuen Beach Boy Brian Wilson auf die Tanzfläche geschubst. Dazu gibt es eine Lichtshow, die Pink Floyd neidisch machen könnte – in allen Regenbogenfarben zucken die Laser durch die Arena, als stehe man in einem Star-Wars-Gefecht.

Am frenetischsten beklatscht werden die Hits vom Album „Currents“. „Let it happen“ singt die ganze Halle mit. „Ich habe mich gerade in euch verliebt“, schwärmt Parker. Bevor er die Menge mit „The less I know the better” und „End of Summer“ in die Nacht entlässt, bietet er noch einem weiblichen Fan an, ihr nach dem Konzert ein Tattoo zu stechen. Sie stimmt begeistert zu. Wenn er das durchgezogen hat, ist es definitiv Rock’n’Roll-Moment Nummer drei.JOHANNES LÖHR

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