Den Begriff Maestro verbindet das Klischee gern mit einem strengen Autokraten am Dirigentenpult. Und zweifellos gibt es von dieser Spezies auch heute noch den einen oder anderen Vertreter. Gleichzeitig gibt es aber auch Musiker wie Thomas Hengelbrock. Er rettete durch sein kurzfristiges Einspringen nicht nur das jüngste Abo-Konzert der Philharmoniker. Nein, er übernahm dabei sogar noch völlig uneitel eine von seinem ursprünglich vorgesehenen Kollegen Raphaël Pichon zusammengestellte Konzert-Suite. Ein Pasticcio mit dem Titel „Le Domaine des Dieux“, für das Musik von Komponisten wie Rameau, Rebel und Gluck verwoben wurde.
Die ebenso kurzweilige wie abwechslungsreiche Suite wandelte dabei auf den Spuren von Orpheus, dem man auf seinem Weg von der Unterwelt in den Olymp folgte. Ein gefundenes Fressen für den aus der Originalklang-Bewegung kommenden Hengelbrock. Und auch die Philharmoniker ließen sich mit großer Spielfreude auf diesen Balance-Akt zwischen Spätbarock und Frühklassik ein. Angefangen bei der wilden Höllenfahrt mit Donnerblech und Windmaschine über die leichten Fußes durchquerten elysischen Gefilde bis bin zum Aufstieg in den Olymp.
Auf der letzten Etappe wartete da eine kontrastreiche Abfolge höfischer Tänze, in denen sich Hengelbrock als vollendeter Stilist präsentierte. Und hieran anknüpfend folgte danach Beethovens Siebte mit einem historisch informierten Zugriff. Mit straffen Tempi und einem nuanciert aufgefächerten Klangbild, bei dem gerade die Streicher mit viel Fingerspitzengefühl agierten. Wodurch Hengelbrock im pathosgeschwängerten Trauermarsch ebenso die Extreme ausloten konnte wie später im angriffslustigen Scherzo, mit dem er in einen wilden Schlusssprint startete, der sich beinahe überschlug. Eine Herausforderung, die von den Philharmonikern freudig angenommen und vom Publikum mit Ovationen belohnt wurde.TOBIAS HELL