Viele Frauen waren am Samstagabend im Publikum und erlebten einen Künstler in bester Form.
„Die schönsten Momente“, sagt Johannes Oerding am Ende seines Abends in München, „sind für uns hier oben, wenn von euch so viel zurückkommt.“ © Martin Hangen (2)
Langeweile und Johannes Oerding? Das passt nicht zusammen, denn der Sänger ist der geborene Entertainer! Nach sechs Staffeln als Gastgeber der TV-Show „Sing meinen Song“ und Erfahrung als Juror bei „The Voice“ animiert der Popstar auch bei seinem Konzert in der Olympiahalle immer wieder andere zum Singen. Bereits vor Konzertbeginn bittet er die Fans zum Karaoke mit „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Den Liedtext lässt er über die Leinwände laufen. Später lässt er die Musiker seiner Begleitband jeweils ein Lied wählen, das diese besonders inspiriert hat, um dann kurze Ausschnitte live auf der Bühne zu spielen.
Oerding bietet eine Show, die keine teuren Konzert-Effekte benötigt, sondern vor allem durch ihren Spannungsbogen überzeugt. Der Sympathieträger kann zu den meisten Songs humorvolle Anekdoten erzählen, sodass seine charmante Drohung („München, mein Schatz, viel Spaß mit sieben Stunden Livemusik!“) kurz Realität zu werden scheint. Doch mit gutem Timing bringt er immer wieder die Musik zurück.
Oerding liefert einen Abend voller Gänsehautmomente
Vor rund einem Monat erschien sein achtes Album, „Hotel“, das die Spitze der deutschen Albumcharts erklomm und dem er an diesem Abend nun viel Raum auf der Bühne gibt. Die neue Liebesballade „Märchen aus Hollywood“ singt Oerding im Original mit Sarah Connor. Für die Olympiahallen-Version des Songs holt er die Münchner Sängerin Luca Grace Kampmann auf die Bühne, die auch schon an „The Voice“ teilnahm und mit der er ein berührendes Duett singt. Für den Song „Ecke Schmilinsky“ verwandelt dieser die Halle in ein Meer aus Gospelsängern, die alle begeistert mit dem Wahl-Hamburger die Reeperbahn-Hymne schmettern.
Den neuen Songs sind erfrischende musikalische Einflüsse eines Roadtrips durch die USA anzuhören, auch wenn diese textlich oft Richtung Kitsch abdriften. Die Fans in der Halle kreischen immer wieder begeistert auf, wenn ein bekannter Song angekündigt wird. Zwar ist das Publikum größtenteils weiblich, doch auch viele Männer sind gekommen. Einige sind passend kostümiert und tragen einen schwarzen Porkpie-Hut, das Markenzeichen von Johannes Oerding.
Im zweiten Teil des Konzerts entzündet der ehemalige Pfadfinder dann sogar ein Lagerfeuer. Im hinteren Teil der Halle, die durch einen schwarzen Vorhang begrenzt ist, hat Oerding eine zweite Bühne vorbereitet. Mitten im Konzert springt er in den Zuschauerbereich, schüttelt den Fans die Hand und lädt vier von ihnen ein, mit ihm am Lagerfeuer zu sitzen. Während die Flammen züngeln, spielt Oerding die Stücke „Heimat“ und „Parallel“ auf der Akustik-Gitarre. Das Licht in der Halle ist heruntergedimmt und Gänsehaut vorprogrammiert. Der Münsteraner hatte in einem Interview verraten, dass er fast jeden Sommer für ein paar Tage das Pfadfinderlager seines Heimatortes besucht, um mit den Kindern am Lagerfeuer zu sitzen und Lieder zu singen. Ein derart großes Lager wie die Olympiahalle hat er aber wohl noch nie gesehen.
Zwar werden es am Ende keine sieben Konzertstunden, doch immerhin stolze 150 Minuten bietet Oerding seinen jubelnden Fans und erntet dafür Standing Ovations der Olyhalle. „Die schönsten Momente sind für uns hier oben, wenn von euch so viel zurückkommt“, gesteht der umjubelte Popstar gerührt am Ende. „Ich habe Gänsehaut!“MICHAEL HELLSTERN