Iván Fischer schrieb einen ungewöhnlichen musikalischen Brief an Johann Sebastian Bach. © Marco Borggreve
Mirga Gražinytė-Tyla, Senkrechtstarterin, dirigierte erstmals die Berliner Philharmoniker. © Ben Ealovega
Nach dem dritten Satz muss kurz unterbrochen werden. Bravi, Pfiffe, eine Applaussalve – solche Musik hört man ja auch nicht alle Tage unter den Lüstern des Berliner Konzerthauses. Ein Ragtime von einer Biggest Band, vom dort beheimateten Konzerthausorchester. Der lässige Bandleader ist zugleich der Komponist und Ehrendirigent. Iván Fischer hat, so erzählt er in einer kurzen Moderation, einen Brief an Bach geschrieben. Um ihm was zurückzuschenken: Der heilige Johann Sebastian komponierte einst Orchestersuiten und bündelte dafür Tänze, die keiner mehr tanzt. Fischer tat nun Selbiges: Was Bach die Bourrée ist Fischer die Bossa Nova.
Ein Violinkonzert ist diese „Dance Suite“ eigentlich, Diana Tishchenko spielt den kniffligen Part virtuos und wie selbstverständlich. Das Stück, 2024 in Fischers Heimat Budapest uraufgeführt, bildet das bejubelte Zentrum des Abends. Nimmt man den und die Parallelveranstaltung der Berliner Philharmoniker, so ergibt das zwei Konzerte neben der Spur. Denn drüben in der Philharmonie steht erstmals Mirga Gražinytė-Tyla am Pult der Platzhirschen. Die Litauerin, früher Chefdirigentin des Salzburger Landestheaters mit anschließendem Senkrechtstart, dirigiert einen Abend, der das ältere Ehepaar in Block A, Reihe 10 zur Frage provoziert: „Wer macht eigentlich hier die Programme?“
Gerade absolviert Gražinytė-Tyla eine Debüt-Parade bei den Supertankern der Szene. Vor ein paar Monaten die Wiener Philharmoniker, New York Philharmonic, jetzt Berlin, die Zeit ist längst reif dafür. Ihr Dirigierstil ist bestechend: fordernd, hochflexibel, energisch, handwerklich souverän. Eine Klangformerin, die Angebote aus dem Orchester aufnimmt, sie kanalisiert, die Musik auch mal sehr horizontal denkt, kantabel, was nicht von ungefähr kommt: Gražinytė-Tyla, in Salzburg hat sie das ein-, zweimal gezeigt, kann sehr gut singen.
Willig lassen sich die gern kapriziösen Philharmoniker durch „Burattino und das goldene Schlüsselchen“ von Mieczysław Weinberg, dem Leib- und Hirnkomponisten der Dirigentin, führen. Ein Pinocchio-Märchen mit, auch hier, Tänzen. Danach das Klavierkonzert von „Star Wars“-Komponist John Williams, in dem dieser fast krampfhaft und konstruktivistisch alle Filmmusik-Anklänge vermeidet, Emanuel Ax spielt das ihm gewidmete Stück – das zu Weinberg so gar nicht passt. Nach der Pause ein mutmaßliches Zugeständnis an die Philharmoniker, die wohl nicht schon wieder ein für sie neues Werk spielen mochten: die Suite aus Prokofjews „Romeo und Julia“, mit trockener Dramatik und straffer Liedhaftigkeit dirigiert. Ein starkes Debüt.
Die Philharmonie ist nicht ganz ausverkauft. Und dennoch sind viel mehr Neugierige gekommen als vor einigen Monaten zum Beispiel bei Vladimir Jurowski, dem RSB Berlin und einem Prokofjew-Suk-Programm plus einer Uraufführung von Eduard Resatsch, mindestens ein Drittel der Plätze im Konzerthaus blieben leer. Zu viel Ambition selbst für Berlin? Oder braucht es doch Künstlerinnen und Künstler an der Rampe, die anders für ihre Programme einstehen, charmant, mit einem Augenzwinkern? Und sich dem Publikum dabei ein Stück weit entgegenstrecken, statt es zu überfordern? Nach der ungeniert wie frechen Bach-Annäherung kehrt Iván Fischer jedenfalls in bekanntes Fahrwasser zurück. Dvořáks achte Symphonie, ohne Überdruck, cool, geistreich, musikantisch. Ein Abend so, wie er sein soll: Er macht ziemlich Laune.MARKUS THIEL