Dirigierte den Abend: Pablo Heras-Casado. © Adam
Spontane Umbesetzung ist man an Opernhäusern durchaus gewohnt. Schließlich ist die menschliche Stimme ein überaus sensibles Instrument. Und da macht natürlich auch die Bayerische Staatsoper keine Ausnahme. Nach dem gesundheitsbedingten Rückzieher von Christian Gerhaher musste fürs Akademiekonzert des Staatsorchesters hier schnell ein Plan B aus dem Hut gezaubert werden. Wobei die Lösung beinahe schon auf der Hand lag. Immerhin hatte der Bariton Ludovic Tézier Berlioz‘ „Les Nuits d’été“ bereits vor anderthalb Jahren bei einem Liederabend im Prinzregententheater interpretiert. Damals allerdings noch mit Klavierbegleitung. Was einen interessanten Vergleich erlaubte.
Als Dirigent steckt man bei diesem Zyklus immer leicht in der Zwickmühle. Will man die meisterliche Orchestrierungskunst von Berlioz ausstellen? Oder doch der Stimme den Vorrang geben? Pablo Heras-Casado empfiehlt sich bei seinem Debüt am Nationaltheater zunächst als sensibler Begleiter, der das Staatsorchester wann immer möglich zum Piano ermutigt. Doch nachdem Tézier diesmal deutlich kraftvoller ans Werk geht, nimmt der spanische Maestro dies als Aufforderung, die Intensität zunehmend zu steigern. Wobei das gegenseitige Hochschaukeln dazu führt, dass Tézier sich bei der Wahl zwischen Wort und Ton letztlich für den sonoren Wohlklang entscheidet.
Sinnliches Schwelgen zeichnet ebenfalls die Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms aus, bei der Heras-Casado vor allem den Holzbläsern seine besondere Aufmerksamkeit widmet. Und natürlich werden auch die zahlreichen Verweise auf das Idol Beethoven in der Partitur klar herausmodelliert, ohne Brahms dadurch seine eigene unverwechselbare Tonsprache zu nehmen. Ein virtuoser Spagat, der trotz kleiner Schwächen in den Streichern seine Wirkung nicht verfehlt. Und nach dem Applauspegel dürfte eine Rückkehr des Spaniers hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lassen.TOBIAS HELL