Auch Mörder brauchen Liebe

von Redaktion

Schwarzhumoriger „Herzerlfresser“ am Münchner TamS-Theater

Auch zärtliche Momente gibt es trotz der grausamen Geschichte. © G. Neeb

Ein echter Coup ist dem Münchner TamS-Theater mit seiner Produktion „Herzerlfresser“ gelungen. Nicht nur wegen der fünf Charakterdarsteller, die als eingespieltes Ensemble brillieren, sondern vor allem dank des Dramas selbst, für das der österreichische Shooting-Star Ferdinand Schmalz verantwortlich zeichnet. Die Arbeiten des vielfach ausgezeichneten Dramatikers werden mittlerweile vom Wiener Burgtheater bis zum Leipziger Schauspielhaus gezeigt, an letzterem Theater wurde 2015 auch sein „Herzerlfresser“ uraufgeführt.

Wer die Münchner Premiere in der Regie von Susi Weber erlebt, versteht schnell, woher Schmalz‘ Ruf rührt: Geboten wird eine beeindruckende Sprachakrobatik und – in den szenischen Höhepunkten – fast eine Shakespeare-Würze zwischen „Macbeth“ und morbider „Romeo und Julia“-Poesie. Der scheinbar harmlose Titel verweist schwarzhumorig auf eine kannibalisch-historische Begebenheit rund um den steirischen Knecht Paul Reininger, den „Herzerlfresser von Kindberg“. Ein Stoff, der fraglos für Gänsehaut sorgt.

Im Zentrum steht ein namenloses Moor, in das ein Einkaufszentrum betoniert wurde – als stolzes Vorzeigeprojekt kurz vor der Eröffnung. Doch just in diesem entscheidenden Moment für Bürgermeister Rudi (entwaffnend sympathisch: Helmut Dauner) tauchen zwei Frauenleichen auf, denen das Herz martialisch herausgebissen wurde. Der findige Nachtwächter (Axel Röhrle) wird zum Hobbykriminologen und versucht auf herrlich komödiantische Weise, dem „Herzerlfresser“ auf die Spur zu kommen – voller Körpereinsatz inklusive. „Schlechte Kunde bedeutet keine Kunden“, folgert der verzweifelte Bürgermeister, dem sehr daran gelegen ist, die Angelegenheit möglichst ohne Aufsehen zu klären oder gleich zu vertuschen. Das Moor eignet sich dafür bestens.

Zu Hochform laufen auch Lena Vogt und Irene Rovan auf, die als erprobtes Duo dem Frauenschreck (Julian Mantaj) auf ihre Weise das Handwerk legen. Allzu blutrünstig wird es – abgesehen von etwas Kunstblut – nicht; stattdessen entfaltet die Inszenierung eine bemerkenswerte Intimität und Intensität. Besonders die Monologe des Schlächters mit seinem unheimlich indifferenten Blick sowie die erotisch aufgeladenen Dialoge zwischen Mantaj und Vogt stechen hervor. In all ihrer Grausamkeit blitzen zärtlich-sehnsüchtige Momente auf, die von zutiefst liebesbedürftigen Figuren zeugen.

Als philosophischer Kern kristallisiert sich die Überzeugung des Herzerlfressers heraus. Die ist gespeist aus tödlichen Erfahrungen, dass jeder ein pochendes Herz in sich trägt, und sei es noch so tief vergraben oder verloren geglaubt: „Ein jeder trägt solch ein blutendes Herz in sich.“ Ein leichter Abend ist das nicht, aber ein unbedingt lohnender.ANNA BEKE

Nächste Vorstellungen

am 22., 23., 24., 25. April; Telefon: 089/34 58 90.

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