Ein Sommer, 70 Bücher

von Redaktion

Meike Winnemuth über ihren Erfahrungsbericht „Eine Seite noch“

Auf der Couch der Welt abhandenkommen: Autorin Winnemuth bei ihrer Lieblingsbeschäftigung. © Felix Amsel

Meike Winnemuth hat sich einen Namen als Journalistin und Autorin gemacht (und als Universalgebildete, als die sie 2010 bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ 500.000 Euro abräumte). Einmal mehr widmet sich die Lübeckerin nun einem Thema ganz und gar – diesmal dem Lesen und Hörbuchhören: 70 Bücher in einem Sommer hat sie geschafft – von der Bibel über Seneca und Tolstoi bis zu Virginia Woolf – und ihre Erlebnisse und Einsichten höchst unterhaltsam in „Eine Seite noch“ (Penguin, 208 Seiten, 22 Euro) niedergeschrieben.

Wie kam es zu der Idee für dieses Buch?

Ich habe meine Bücher ja immer über meine Leidenschaften geschrieben. Über das Reisen, das Gärtnern – und das Lesen gehört unbedingt dazu. Eigentlich wollte ich gar kein Buch mehr schreiben, ich hatte mich selbst frühverrentet, aber dann hat es mich doch noch mal gerissen, etwas zu schreiben, das ich einfach selbst gerne lesen wollte. Außerdem liebe ich Selbstversuche. Mit meinem Leben zu spielen, mir Aufgaben zu stellen, diese eine Weile durchzuziehen und mich dabei zu beobachten.

Was haben Sie alles gelernt in Ihrem Lesesommer?

Dass ich das Lesen liebe, hatte ich immer gewusst, aber warum ich es so liebe, nicht. Dafür habe ich jetzt mal auf meine eigene Lesebiografie geschaut. Es ist interessant, warum bestimmte Bücher erst spät im Leben möglich sind, obwohl sie immer bereitlagen, etwa „Krieg und Frieden“. Aber alles hat seine Zeit. Manchmal muss man einfach alt genug werden, um in ein Buch hineinzuwachsen. Und eine gewisse Gelassenheit habe ich gelernt. Man muss nicht immer alles sofort lesen. Ich habe schon immer sehr allergisch auf das Wort „müssen“ reagiert. Man muss überhaupt gar nichts, man muss nicht einmal lesen. Leider hat Lesen für viele Menschen noch aus der Schule so einen abschreckenden Nimbus von Vollkornbrot, von gesunder Nahrung. Lesen sollte ein Vergnügen sein, nicht Selbstoptimierung. Und man muss auch kein Buch zu Ende lesen.

Was möchten Sie Ihren Lesern noch mitgeben?

Dass Lesen auch eine gewisse Lebensschule ist. Ich habe an mir etwas beobachtet, das ich mit dem hässlichen Wort Ambiguitätstoleranz beschreibe: dass ich Widersprüche jetzt sehr viel besser aushalte, auch meine eigenen. Dass andere Leute die Dinge anders sehen, anders empfinden. Es scheint im Moment das Schwierigste auf der Welt, zu akzeptieren, dass die eigene Meinung nicht die einzige ist und vielleicht nicht mal die richtige. Wenn man aber wie beim Lesen sehr viel in den Köpfen anderer Menschen unterwegs ist und sehr viel mehr Möglichkeiten kennenlernt, wie man leben kann, wie man die Welt sehen kann, wird man toleranter und empathischer. Ich glaube, man hält das Leben besser aus, wenn man sehr viel gelesen hat.

Auf Social Media werden gerne Bücherstapel inszeniert. Aber wie bringt man junge Menschen wirklich zum Lesen?

Also auf keinen Fall durch Nötigen. Im besten Fall passiert das wie ja gerade tatsächlich auf breiter Front auf Social Media. Lesen gilt wieder als toll, es ist so ein gemeinschaftsbildendes Momentum da. Und dann natürlich auch supergerne mit „Romantasy“ und Farbschnitt. Wenn das die Einstiegsdroge ist – warum denn nicht! Wenn man erst mal den Spaß entdeckt, dann will man mehr.

Ihre Leseparty beim Literaturfest München war fast sofort ausverkauft, ebenso das „Silent Reading“…

Mache ich regelmäßig. Natürlich mag ich den Rückzug, die Abgeschiedenheit, mit einem Buch auf dem Sofa zu liegen, sehr gerne. Dieses Der-Welt-abhandenkommen finde ich fantastisch. Aber gleichzeitig liebe ich es auch, mit anderen Lesenden in einem Raum zu sein, das hat so etwas Klösterliches, eine eigenartige Atmosphäre von Gemeinschaft. Und ich glaube, dass Gemeinschaft gerade etwas sehr Gesuchtes ist. Dazu die Stille, die Konzentration, keinerlei Drang, zum Handy zu greifen. Nach dieser Stunde stillen Lesens erzählt dann jeder, was er liest und warum er es gut findet. Das inspiriert. Und wir tauschen auch oft Bücher.

Das Thema des Literaturfests heißt „Freiheit!“. Ist Lesen Freiheit?

Ja. Die absolute Freiheit, sich für das nächste gute oder schlechte Buch zu entscheiden, ist toll. Ich fühle mich da unendlich frei. Aber auch durch dieses Gefühl, beim Lesen wie eine Drohne in jedermanns Köpfe hineinzufliegen, in fremde Welten und ferne Zeiten zu reisen. Das erweitert meine eigene kleine, im späten 20., frühen 21. Jahrhundert stattfindende Welt und Lebenszeit so unglaublich in alle Richtungen, in die Zukunft, in die Vergangenheit. Das empfinde ich als große Freiheit.

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