Game over: Szene mit (v.li.) Julian Gutmann, Henriette Nagel und Max Poerting. Das Stück basiert auf dem Roman von Tonio Schachinger, der 2023 den Deutschen Buchpreis bekam. © Arno Declair
So viel haben wir immerhin schon gewusst: Die Jungen reden sich bevorzugt mit „Alter“ an – und in Österreich als „Oida“. Ansonsten aber kann der reifere Zuschauer noch manches lernen über die heutige Jugend in dieser Bühnenadaption von Tonio Schachingers Schul-Roman „Echtzeitalter“. Vor allem über ein Paralleluniversum, dessen Existenz viele Ältere überhaupt nicht auf dem (Bild-)Schirm haben: die Welt leidenschaftlicher „Gamer“, also Computer-Spieler, die eine globale Community bilden mit Online-Turnieren für die „Pros“, die in der Gaming-Welt Stars sind, vergleichbar den WM-Kickern in „unserer“ Wirklichkeit.
Fast noch erstaunlicher ist die zweite Lektion, dieses Abends am Münchner Volkstheater. Wir sehen nämlich, dass sich grundlegend gar so viel doch nicht verändert hat an all den Nöten, Noten und wenigen Freuden zwischen Leistungsdruck und Raucherecke – zumindest an einem Wiener Elitegymnasium, das 600 Euro im Monat kostet.
Denn in dem Roman, der 2023 den Deutschen Buchpreis (quasi die Note 1) bekam, erzählt der österreichische Autor nicht nur vom heimlichen Gamer-Leben des jugendlichen Protagonisten. Sondern auch von bösartigen Lehrern, die eigentlich in eine geschlossene Anstalt gehören, von kühnen Pennälerstreichen, die nicht mehr so heißen, aber noch den gleichen faden Nachgeschmack bloßer Pseudofreiheit hinterlassen, und von den linkischen Annäherungen an Mädchen. Regisseur Jan Friedrich hat also seine Hausaufgaben brav gemacht, indem er diese zeitlose Gymnasiasten-Story sehr passend als angeraute Biedermeier-Idylle im aktuellen Gewand inszenierte.
Ausstatter Max Schwidlinski kleidet die Schüler im adretten Upper-Class-Einheits-Look und setzt ihnen phasenweise immer wieder anrührend doofe Kindermasken auf. Derart in die Rolle von Klonen gezwängt, bevölkern sie ein modernes, sauberes Schulgebäude mit Bildschirmen allerorten, auf denen neben Computerspielen getreu dem Titel in Echtzeit zu sehen ist, was eh real auf der Bühne geschieht. Die sechs beeindruckenden jungen Darsteller filmen sich nämlich dauernd gegenseitig, während sie die Rollen durchwechseln und mal der verdruckste Schulbub sind, mal der genauso verdruckste Sportlehrer mit Trillerpfeife, der sich selbstgefällig in seiner Toleranz sonnt.
Sicher, gelegentlich ziehen sich die pausenlosen 110 Minuten der Aufführung wie eine Mathestunde, weil der Stoff ohne dramaturgische Pointierung ausgebreitet wird. Dabei hätte es sich angeboten, das Deformations- und Traumatisierungspotenzial der Institution Schule dick zu unterstreichen, das im Text deutlich wird: die konformistische Einpassung in Hierarchien, der Missbrauch von Bildung für ein Dressursystem aus Angst und Belohnung, die Barbarei von Selektionsdruck und Autoritarismus – all diese Erniedrigungs- und Zurichtungsmechanismen, an denen sich seit 100 Jahren substanziell nichts geändert hat, erzeugen notwendig in den Opfern einen Aggressionsstau. Der entlädt sich im günstigsten Fall bloß bei brutalen Amokläuferspielen am Computer, die eben nicht Ursache von Gewalt sind, sondern Symptom einer strukturellen Gewalt-Ordnung, deren Opfer sich am Bildschirm abreagieren müssen. Selbst in der Schlagobers-Welt dieser Story, die von der Realität Berliner Brennpunktschulen doch meilenweit entfernt ist. Begeisterter Beifall.ALEXANDER ALTMANN
Nächste Vorstellungen
am 21. April sowie 9. und 29. Mai; Karten unter der Telefonnummer 089/523 46 55.