Stille Autorität: Rudolf Buchbinder mit Schubert und Beethoven

von Redaktion

Nach ein paar frühlingshaften Tagen zieht München am Sonntagvormittag wieder den grauen Vorhang zu. Kein Wetter für Übermut, aber für Musik, die doppelsinnig nach innen führt: Schuberts vier Impromptus D 935, danach Beethovens Diabelli-Variationen. Im Prinzregententheater am Flügel: Rudolf Buchbinder – Publikumsliebling und seit Jahrzehnten bei Schubert und Beethoven feste Instanz.

Ein echter Altmeister eben – im allerbesten Sinne. Souverän, unaufgeregt, von stiller Autorität. Er spielt diese Impromptus nicht der Wortbedeutung nach aus dem Geist des Stegreifs, nicht als klingende Eingebung, sondern als Musik, die längst durch ein Leben gegangen ist. Buchbinder sucht nicht die letzte Raffinesse im Detail, nicht das auftrumpfende Ausstellen von Brüchen, Abgründen oder Widerhaken. Vielmehr denkt er von der großen Linie her, wichtig sind Zusammenhang, Atem, Form. Vieles ist rührend, manches bewusst ins Sentiment getaucht, ohne je unangenehm dick aufzutragen. Einnehmend zügig geht’s voran, nichts reißt ab. So sind die Wunden dieser Musik mehr vorbeiziehende Erinnerung als offene Stellen.

Doch was Schubert trägt, bekommt Beethoven nicht im selben Maß. Diabellis Walzer geht flott los; aus jenem harmlosen Thema, zu dem Beethoven ursprünglich nur eine Variation beisteuern sollte, wird bekanntlich ein Universum aus 33 Charakterstücken. Buchbinder präsentiert diesen Kosmos mit einer eigentümlichen Reserviertheit. Das Schräge, das Groteske, das scharf Parodistische bleibt oft an der Oberfläche hängen, als wolle Buchbinder alles lieber befrieden als freisetzen. Manches perlt – in stets flotten Tempi – vorbei, was sich tiefer eingraben müsste; mitunter deckt auch das Pedal zu viel zu. In Beethovens aberwitzigem Diabelli-Labor aus Trivialität, Trotz und Verwandlung gerät nicht jeder Versuch zur geglückten Reaktion.

Und doch kann man den mit Standing Ovations Gefeierten nur bewundern: Als Zugabe gibt es in Beethovens Appassionata-Finale keinen Absturz unter Hochspannung, sondern einen apollinisch-edlen Weltuntergang, geformt aus großer Weisheit. Es ist ein bisschen wie das Wetter draußen. Kein pralles Strahlen, kein greller Effekt und manche Wolken – diese aber stehen, in den Worten Brechts, wie Buchbinder: ungeheuer oben.WILLI PATZELT

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