Frank Schmolke adaptierte den Thriller. © Splitter
Sebastian Fitzek schrieb „Der Augenjäger“. © Pedersen/dpa
Sie ist blind – und sieht doch mehr als viele ihrer Zeitgenossen. Alina Gregoriev begleitet Alexander Zorbach bei seiner Suche. © Frank Schmolke/Splitter
Es ist der Albtraum aller Eltern. „Nicci, ich kann ihn nicht finden“, stöhnt Alexander Zorbach am Grab seiner Ex-Frau auf. „Ich kann unseren Sohn nicht finden.“ Die Sorge, die Machtlosigkeit, die Ängste – sie zwingen den Mann im Anzug und mit den tiefschwarzen Augenringen buchstäblich in die Knie. Er ist am Ende, dabei hat seine Geschichte noch nicht begonnen.
Vor 16 Jahren hat Sebastian Fitzek seinen Thriller „Der Augensammler“ vorgelegt. Der ehemalige Polizist Zorbach ist die Hauptfigur des Romans. Bulle darf/kann/mag er nicht mehr sein – und sein Job als Polizeireporter eines Berliner Boulevardblatts ist alles andere als krisenfest. Obendrein ist Zorbach geschieden. „Klingt wie das Klischee einer Hollywoodfigur“, sagt er einmal über sich selbst. Stimmt. Und ist doch zu kurz gedacht. 2021 adaptierte Frank Schmolke das Buch als Graphic Novel. Mit expressivem Strich und gutem Gespür für Stimmungen gelang es dem Münchner Künstler, nicht nur Fitzeks Erzählung in ein anderes Genre zu übersetzen. Schmolke schuf ein eigenständiges Werk (wir berichteten).
Fitzek veröffentlichte ein Jahr nach dem „Augensammler“ die Fortsetzung, schließlich schien der Täter zwar enttarnt, doch war er flüchtig. Davon handelt „Der Augenjäger“. Auch Schmolke hat nun erneut zu den Zeichenstiften gegriffen – seine Version des Thrillers ist soeben erschienen.
Keine Sorge, hier wird nicht zu viel verraten. Nur das: Schmolkes neue Graphic Novel schließt zwar an ihre Vorgängerin an; doch auch wer diese nicht kennt, wird spannend unterhalten. Zorbach sucht seinen Sohn Julian, der am Ende des ersten Teils vom „Augensammler“ verschleppt worden ist. Der Serienmörder stellt auch Zorbach ein Ultimatum. Was die Angst ums eigene Kind und die absolute Hilflosigkeit mit einem Menschen machen, dafür findet Frank Schmolke eindrucksvolle Szenerien. Auf diesen ersten Seiten verzichtet er weitgehend auf Panels, also auf die Einzelbilder, die eine Comic-Seite strukturieren. Stattdessen schieben sich die Szenen, Motive, Blicke und Gespräche auf- und ineinander. Der Ausnahmezustand, in dem sich Zorbach zu Beginn des Buchs befindet, vermittelt sich durch die grafische Gestaltung unmittelbar. Das kann nicht gut ausgehen, oder?
Auf diesen künstlerischen Kniff greift Schmolke immer dann zurück, wenn die Erzählung zu eskalieren droht. Und das geschieht nicht selten. Denn der neue Band ist düsterer, brutaler, grausamer als Teil 1. Für Entspannung sorgen kurze Zwischenspiele. Etwa wenn der Münchner den Autor Fitzek als Barkeeper porträtiert und ihn hilfsbereit hintern Tresen in der Bar Janine stellt: „Danke, Sebastian! Du rettest mich. Schon wieder!“ – „Kein Ding. Meinen Stammgästen helfe ich doch gerne!“ Natürlich zeichnete Schmolke diese Figur mit dem klassischen Fitzek-Lächeln.
„Der Augenjäger“ ist Augenfutter für alle Genre-Fans, die Krimis schätzen, in denen die Lösung nicht an der nächsten Ampel blinkt. Wer obendrein Action schätzt und keine Angst vor Horror hat, wird bestens unterhalten. Und natürlich gibt es Szenen, an die sich wunderbar anknüpfen lässt, sollte das Duo Fitzek/Schmolke eine dritte Runde einläuten wollen.MICHAEL SCHLEICHER
Sebastian Fitzek/Frank Schmolke:
„Der Augenjäger“. Splitter,
Bielefeld, 208 Seiten; 28 Euro.