Pas de deux mit außergewöhnlichen Körper-Verschlingungen: Szene aus der Choreografie von Jacopo Godani. © Marie-Laure Briane, Dresden Frankfurt Dance Company
Es sieht aus wie eine kleine Revolte des Münchner Gärtnerplatz-Tanzensembles – mit angeheuertem Komponisten nebst Musikern. Kein Grund zur Aufregung. Denn das Orchester des Hauses tourt als Gast des Gargan Music Festivals in Kanazawa vom 26. April bis 11. Mai durch Japan. Und so erwartet uns an diesem Freitag mit „Rock to Heaven“ eine ganz besondere Premiere: ein Dreiteiler mit Kreationen von Tanzchef Karl Alfred Schreiner, von den Gästen Jacopo Godani und Frédérick Gravel – zu eigens komponierter Musik von Leonhard Kuhn.
Tanz-Erinnerung an Kurt Cobain
Also reingeschnuppert ins „Premierenfieber“, die traditionell immer ausverkaufte Gärtnerplatz-Einführung. Es moderierte in legerem Modus András Borbély T. Und schnell wurden wir hineingezogen in die Choreo-Kostproben. Tanzchef Schreiner schickte die 20 Ensemble-Mitglieder als kompakte und doch in sich heftig bewegte Gemeinschaft über die Bühne. Und erwähnt im persönlichen Gespräch kurz Frankreichs berühmten Sonnenkönig Louis XIV. und sein „Ballet de Cour“.
„Seitdem“, so Schreiner, „ist der Tanz einfach demokratischer geworden. In unserem Ensemble ist jeder in der Lage, solistische Aufgaben zu übernehmen.“ Und verrät noch bezüglich der Musik: „Da war im Hintergrund die Erinnerung an Kurt Cobain, bekannt als US-amerikanischer Rockmusiker, Sänger und Songwriter der Band Nirvana.“ Cobain, gerade mal 27, nahm sich 1994 das Leben. Amerika-Fans erinnern Cobain auch als Ikone des Grunge, eine in den späten 80ern in Seattle entstandene Rockmusikbewegung: zwischen Punkrock, Heavy Metal und Independent-Rock. Aha, hier kommen wir dem Premieren-Titel schon näher.
Und sind gespannt auf Leonhard Kuhns künstlerisches Schaffen. Der norddeutsche Wahl-Münchner, Jahrgang 1987, geschätzt auch als Gitarrist, Elektroniker. Mathematiker und Teilzeit-Philosoph, verrät uns: „Engagiert wurden eigenständige Musiker für Schlagzeug, Gitarre, E-Bass, Keyboard, Saxofon und Trompete. In meiner Komposition bin ich auch auf Wünsche der Choreografen eingegangen.“ Dirigent ist Andreas Partilla, seit 2014 mit verschiedenen Verpflichtungen am Haus.
Jetzt zu dem Italiener Jacopo Godani, hierzulande bekannt als Tänzer in William Forsythes Ballett Frankfurt, von 2015 bis 2023 als künstlerischer Leiter der Dresden Frankfurt Dance Company. Seitdem ist er freischaffend international unterwegs. Das Staatsballett hat von ihm „After Dark“ (2002) und „Elemental“ (2006) im Repertoire. In dieser Kostprobe sah man so etwas wie einen Pas de deux mit außergewöhnlichen Körper-Verschlingungen.
Schließlich ein Ausschnitt aus Frédérick Gravels Werk: ein Auftritt des gesamten Ensembles, hingezaubert als ein dichtes Heer jeweils verschieden bewegter Figuren. Der Franko-Kanadier aus offensichtlich künstlerischer Familie – seine Mutter war wohl Tänzerin – studierte bis 2009 an der Tanzfakultät der Université du Québec in Montreal. Seine Abschlussarbeit war eine Reflexion über Aufgaben und Ziele des Tanzkünstlers in der Gesellschaft. Dies schon ein Wegweiser für seine künstlerische Laufbahn – in der auch eine gewisse Gesellschaftskritik pulsiert.
In der Folge wird er ein Schützling von Daniel Léveillé, dessen Compagnie in Montreal er ab 2018 leitet. Gravel macht dann seinen ganz eigenen künstlerischen Weg als Choreograf, Tänzer, Musiker und Lichtdesigner. Er kooperiert mit anderen Künstlern, ist aktiv mit kreativen Workshops, auch mit Unterricht an seiner ehemaligen Universität. Gastspiele gehören ebenfalls in sein dichtes Arbeitsprogramm. München ist ihm bereits vertraut durch Walter Heuns jährliche Tanzwerkstatt Europa. Zuletzt, also zur TWE 2022, kam er mit einem Solo, seiner Gitarre und drei Musikern. Sein Begleitwort lautete: „Ich habe drei Probleme: den Kapitalismus, das Patriarchat und warum die Kunst es nicht schafft, uns zu uns selbst zu retten.“MALVE GRADINGER
Premiere
Premiere an diesem Freitag, Vorstellungen am 28., 30. April, 2., 3., 10. Mai; Tel. 089/21 85 19 60.