Fünf Jahre war Maria Kalesnikava politische Gefangene in ihrer Heimat Belarus. Seit Dezember ist sie eine freie Frau. Jetzt sprach sie zur Eröffnung des Münchner Literaturfests, das unter dem Motto „Freiheit!“ steht. © Pierre Jarawan
Präsentierten das Festivalprogramm: Literaturhaus-Chefin Tanja Graf (re.) und Kuratorin Dana Grigorcea. © P. Jarawan
Am Ende erheben sich alle im Saal des Münchner Literaturhauses und applaudieren Maria Kalesnikava im Stehen. Eine „weltweite Freiheits-Ikone“ hatte Kulturreferent Marek Wiechers die Musikerin und belarussische Bürgerrechtlerin zu Beginn des Abends genannt. Ihr Kampf für die Demokratie in ihrer Heimat brachte sie fünf Jahre hinter Gitter, die meiste Zeit saß sie in Isolationshaft. Ein Abkommen zwischen den USA und dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko bedeutete für Kalesnikava und andere Oppositionelle im vergangenen Dezember die Freiheit. Sie wurde abgeschoben, lebt heute in Berlin.
Unter das Motto „Freiheit“ hat die Schriftstellerin Dana Grigorcea, die das Festival kuratiert, ihr Programm gestellt. Mit Kalesnikava als Eröffnungsrednerin ist ihr ein Coup gelungen. Die 43-jährige Flötistin verbindet in ihrem Leben und Wirken beide Sphären – die politische und die künstlerische. „Freiheit steht am Anfang der Kunst“, sagt Grigorcea. Kalesnikava wird kurz darauf über ihre Zeit als politische Gefangene sagen: „Bücher haben mich gerettet. Sie waren meine Flucht und meine Rückkehr. Flucht vor den Gittern – Rückkehr zu mir selbst.“
Ihre eigentliche Rede, räumt sie ein, habe sie kurz vor dem Auftritt verworfen. Stattdessen berichtet sie über ihre Begegnungen mit der Literatur. Das ist sehr persönlich, humorvoll, klug – und passt wunderbar zur Atmosphäre dieses Eröffnungsabends.
Im Gefängnis durfte Kalesnikava fünf Titel pro Woche ausleihen – rund 700 Werke hat sie in den fünf Jahren gelesen. Darunter etwa den „Faust“ in zwei verschiedenen Übersetzungen. „Das waren zwei verschiedene Stücke.“ Jetzt will sie Goethe im Original lesen. „Denn es interessiert mich, was er wirklich geschrieben hat.“ Auf ihrer Lektüreliste standen aber auch wissenschaftliche Titel („Für mich eine Möglichkeit, meinen Kopf klar zu halten“) oder die Millennium-Reihe von Stieg Larsson („Das ist nicht nur spannend, sondern man lernt etwas über die schwedische Gesellschaft, Politik und den Journalismus“).
Damit hat Maria Kalesnikava zugleich einen Eindruck von der thematischen Vielfalt gegeben, die Dana Grigorcea und ihr Team in den nächsten Tagen auffächern. Doch beim Literaturfest geht es ja nicht nur ums Lesen – es gibt Musik und Zeit für Muße; es gibt Kino und Kunst. Dan Perjovschi etwa zeichnet seine Bilder während des Festivals mit dem Filzstift auf die Wände im Literaturhaus (und spricht am Samstag, 14.30 Uhr, über „Kunst als Widerstand“). „Ich bin nicht sicher, ob Bücher die Welt verändern“, sagt Kalesnikava noch. „Aber sie verändern den Menschen.“MICHAEL SCHLEICHER