Moritz Lindbergh und Natalia Avelon kommen sich näher
Schwung kommt ins Leben von Jacques (Moritz Lindbergh), als sich Adèle (Natalia Avelon) in sein Geschäft verirrt. © Jennifer Zumbusch
Jacques (Moritz Lindbergh), seit Langem geschiedener Griesgram, Alter irgendwo zwischen abgehangen und lebenserfahren, ist Inhaber einer kleinen Weinhandlung und selbst sein bester Kunde. Zweitbester Kunde ist Kumpel Guillaume (Martin Armknecht), dem die Buchhandlung neben Jacques‘ Laden gehört und der binnen weniger Sekunden erscheint, sobald er durch die dünnen Wände das gut vernehmliche Plopp vom Entkorken einer neuen Flasche hört.
In Jacques‘ eher stetig dahinplätscherndes Leben wie in die Männerfreundschaft kommt Schwung, als sich die eigentümlich weltfremde Adèle (Natalia Avelon) in das für die Bühne der Komödie im Bayerischen Hof von Jan Hax Halama liebevoll und detailreich ausgestaltete Geschäft verirrt. Die junge Frau ist „auf der Suche nach dem köstlichen Wein“, den sie „letzten Sonntag beim Abendmahl in der Kirche“ getrunken hat. Ein sehr exklusiver Tropfen, wie sich im Laufe der Recherche herausstellen wird. Weshalb der versnobte Jacques, der sich vorher noch über ihr Wein-Unwissen mokierte, die attraktive junge Frau plötzlich mit ganz anderen Augen sieht. Und kurzerhand zur nächsten Degustation in seinem Laden einlädt. Ebenfalls anwesend: Buchhändler Guillaume und Jacques‘ Praktikant Steve (Dustin Semmelrogge), ein eher schlichtes Gemüt mit Knastvergangenheit, aber gutem Herz.
„Weinprobe für Anfänger“, die Komödie des französischen Schriftstellers und Filmemachers Ivan Calbérac, stammt aus dem Jahr 2019. Sie wurde in Frankreich noch im selben Jahr mit dem renommierten Prix Moliere ausgezeichnet und drei Jahre später von Calbérac selbst auch noch zu einem an den Kinokassen erfolgreichen Spielfilm umformatiert. Es geht um Schicksalsschläge, Enttäuschungen, ums Sich-Verstecken vor der Welt und um den Mut, den man für Neuanfänge braucht. Gerade wenn die Jugendzeit mit all ihrem emotionalen Überschwang schon etwas zurückliegt.
Man kann sich vorstellen, dass das Stück seiner pointierten, schmissigen Dialoge wegen ein Erfolg sein kann. Dazu hätte die Inszenierung von Jürgen Wölffer, die in Koproduktion mit dem Theater am Dom in Köln entstanden ist und nun in München Premiere feierte, allerdings deutlich energischer aufs Tempo drücken müssen. Schon allein, damit das Publikum nicht zu viel Zeit hat, über die angestaubten Sprüche nachzudenken, mit denen da anfangs zwei ältere weiße Männer auf der Bühne ohne jede ironische Brechung oder inszenatorische Einordnung das Aussehen einer Frau bewerten. 2019 war das womöglich noch machbar. 2026 nicht mehr.
Keine Frage, Boulevard lebt auch heute noch von den Klischees, den Überzeichnungen, Typisierungen und der mitunter derben Schlagfertigkeit der Figuren. Serviert man alles aber ohne rechten Schwung, schmeckt es schnell schal. Natalia Avelon, anfangs energiegeladen und spritzig, stellte offensichtlich irgendwann auf Autopilot. Moritz Lindbergh durfte als Jacques zwar die besten Gags verbuchen. Dafür gelang es ihm nicht allzu überzeugend, das Umdenken und die emotionale Ergriffenheit seines Charakters in den letzten Minuten darzustellen.
Einzig Dustin Semmelrogge, der als Steve ohnehin die vermutlich dankbarste Rolle hatte, konnte zumindest mit seinem Tänzchen zur Musik des französischen Rappers Sniper den ganzen Saal zu stürmischer Begeisterung bringen.ULRIKE FRICK
Vorstellungen
bis 31. Mai;
komoedie-muenchen.de.