Im „Nirgendwo“ spielt dieser Abend – so sagt es die Figur des Lautsprechers. „Nirgendwo“ ist hier aber keine geografische, sondern eine moralische Angabe. Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“, 1943/44 in Theresienstadt auf ein Libretto von Peter Kien komponiert, ist Musik aus äußerster Bedrängnis. Eine Parabel über Macht, Krieg und den Tod, der sich der Verfügung entzieht. Ullmann und Kien: beide Gefangene im Getto. Danach Auschwitz. Zurück kamen beide nicht.
Die Inszenierung von Waltraud Lehner verzichtet in der Reaktorhalle auf vordergründige NS-Symbolik; das Grauen kommt auch so schneidend durch. Auf der Drehbühne baut Patrik Tircher ein Atlantis aus weißen Blöcken: Thron, Machtzentrum, Versuchsanordnung – und von Anfang an dem Zerfall preisgegeben. Darüber hängt eine geneigte Rundscheibe, Projektionsfläche und ferner Planet zugleich, wie einst das Schwert über Damokles. Kein Ort, eher ein kalter Aggregatzustand der Zivilisation.
Kiens Handlung ist knapp und grausam klar: Kaiser Overall befiehlt den totalen Krieg aller gegen alle. Der Tod verweigert sich. Niemand kann mehr sterben. Was als Allmachtsfantasie beginnt, kippt ins groteske Elend: sterbendes Leben ohne Erlösung. Die Regie findet dafür starke Bilder, etwa den Roboterhund – halb Spielzeug, halb Überwachungsapparat, ein kaltes Echo degenerierter Menschlichkeit. Das ist unheimlich, ohne platt zu werden.
Das Ensemble trägt das mit einer Präzision, die man von Studenten einer Musikhochschule nicht selbstverständlich erwarten darf. Johannes Domke zeichnet den Kaiser als entleerten Machtmenschen mit scharfer Mimik. Aaron Seligs Tod hat eine weiche, beinahe tröstliche Farbe. Justus Rüll ist ein Harlekin, dem jede Leichtigkeit abhandengekommen ist, während Lukas Petraska dem Lautsprecher mit sonorem Bass Halt gibt. Wenn am Ende der ersten Hälfte der Trommler die Kaiserwürde an sich reißt, ist klar: Diese Geschichte beginnt nur wieder von vorn.
Der zweite, neu konzipierte Teil ist deshalb mehr als ein Nachsatz. Versatzstücke aus Ullmanns Oper begegnen Schubert, Chopin und Bearbeitungen von Chiung-Wen Hsu. Auf der Rundscheibe läuft eine Geschichte des Krieges ab, von Höhlenmalerei bis zur Atombombe. Das ist bisweilen plakativ, aber in seiner Konsequenz folgerichtig: Der Machtapparat wechselt die Maske, nicht sein Prinzip.
Unter Daniel Mayr wird Ullmanns nervöse, zwischen Spätromantik, Kabarettton und schneidender Moderne changierende Partitur präzise freigelegt. Das Orchester spielt wach und konzentriert. Bei den jungen Stimmen blitzt viel Qualität auf – nicht jeder Rohdiamant ist schon ganz geschliffen, aber das Versprechen ist groß. Besonders eindrücklich: die Liebesszene zwischen Bubikopf und Soldat auf dem Schlachtfeld. Lilian von der Nahmer mit glockenhellem Sopran, Johannes Ganser mit klangschönem Tenor.
Der zweite Teil sucht aber stärker den Trost, als Ullmann ihn eigentlich gewährt. Wenn Madeleine Meier – erst Trommler nun Kaiser – Chopins „In mir klingt ein Lied“ mit warmem Mezzo singt, ist das von großer Schönheit – und gerade darin liegt die leise Irritation. Verträgt sich Ullmanns bitter-genaue Parabel mit so viel romantischer Versöhnung? Billig ist dieser Trost nicht. Womöglich ist Schönheit das Letzte, was bleibt. Denn diese Geschichte ist noch lange nicht auserzähltWILLI PATZELT
Weitere Vorstellungen
am 27., 28., 30. April, 1., 3. Mai; Karten unter hmtm.de/veranstaltungen/musiktheater-im-reaktor.