PREMIERE

Mit intensiver Präzision

von Redaktion

Robert Icke inszenierte „Ödipus“ am Residenztheater

Wunderbar würdevoll: Rita Russek als Merope. © B. Hupfeld

Von der Lebenslust hin zur flackernden Tragik: Barbara Horvath als Iokaste, hier mit Florian von Manteuffel in der Titelrolle. © Birgit Hupfeld

So was gab es bei einer Premiere in München schon länger nicht mehr: Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören im Residenztheater, derart gebannt, ja ergriffen, folgte das Publikum der deutschsprachigen Erstaufführung von Robert Ickes „Ödipus“ nach Sophokles. Dem englischen Autor, der selbst Regie führte, gelang eine Inszenierung von solcher Präzision und Intensität, wie man sie sonst nur bei Jossi Wieler erlebt hat. Denn ihr psychologischer Realismus wirkt hier, als bewusst „konventioneller“ Kontrast zur mythischen Ungeheuerlichkeit des Stoffs, wie ein greller Verfremdungseffekt.

Icke transponiert die griechische Tragödie über den Herrscher, der bei Ermittlungen selbst herausfindet, dass er einst, ohne es zu wissen, seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete, in unsere Gegenwart: Ödipus ist jetzt Anführer einer neuen politischen Bewegung, der gute Chancen hat, die Wahlen zu gewinnen und das Establishment aufzumischen. In dieser Titelrolle des blonden, brav gescheitelten Schwiegermutter-Traums würde man Florian von Manteuffel äußerlich kaum wiedererkennen. Am Familientisch, der ebenfalls im modernen Arbeitsloft des Wahlkampfteams steht, erleben wir ihn als knuffigen Politiker von nebenan mit seinen fast erwachsenen Kindern, die sich als freche Upper-Class-Kids gern mal rotzig fetzen („Leck mich!“). Worüber sich ihre natürlich spießige Oma dann aufregen kann. Die große Rita Russek gibt dieser alten Frau aus kleinen Verhältnissen eine wunderbar antiquierte Würde – die freilich auch einen doppelter Boden hat, weil Oma zu dem Zeitpunkt als Einzige weiß, dass Ödipus nicht ihr leiblicher Sohn ist.

Im Kern ist diese Enthüllungsgeschichte aber nicht nur ein nervenzehrender Polit- und Psychothriller, sondern eine aufwühlende philosophische Reflexion über Wahrheit. Denn der Populist Ödipus, der bei der Wahl einen Erdrutschsieg einfährt, will tatsächlich ehrlich sein. Obwohl genau das „der Kampagne schadet“, wie sein taktisch denkender Wahlkampfmanager und Schwager Kreon (schön unsympathisch: Robert Dölle) meint. Gegen dessen Willen verspricht der Kandidat bei einer Rede, den mysteriösen Tod seines Vorgängers Laios nach 27 Jahren neu aufrollen zu lassen. Und auch Gerüchte über die eigene Herkunft will Ödipus durch Veröffentlichung seiner Geburtsurkunde widerlegen. Denn zu dem Zeitpunkt weiß der erfolgreiche Wahlkämpfer noch nicht, dass seine Geburtsurkunde eine Fälschung ist – und er selbst als jugendlicher Raser einst den Autounfall verursachte, dem Laios zum Opfer fiel.

Er weiß auch nicht, dass dieser Laios sein leiblicher Vater war – und ein Monster dazu: ein pädophiler Serientäter, der Ödipus’ leibliche Mutter Iokaste als Dreizehnjährige schwängerte, weshalb nicht nur diese, sondern die ganze politische Führungskaste über den späteren Unfalltod des Staatschefs froh war. Überhaupt erscheinen die Figuren, die im antiken Mythos schuldlos schuldig werden, bei Icke geradezu gerechtfertigt. Und wenn Barbara Horvath ihre Iokaste von Lebenslust zu wunderbar flackernder Tragik führt, empfindet man fast Verständnis dafür, dass sie, ohne es zu wissen, ihren Sohn heiratet, der ihr einst sofort nach der Geburt weggenommen wurde. „Alles fußt auf Lügen“, erklärt sie einmal, und wendet sich gegen Ödipus‘ „Ehrlichkeitsfetischismus“. Der Text aber lässt es, wie in der griechischen Tragödie, offen, ob es manchmal besser ist, die Wahrheit nicht zu kennen. Begeisterter Beifall und Standing Ovations.ALEXANDER ALTMANN

Nächste Vorstellungen

am 29. April sowie am 6., 8. Mai;
Telefon 089/21 85 19 40.

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