Ein kontrolliertes Chaos entfesselt Ballettchef Karl Alfred Schreiner. © Marie-Laure Briane
Das gibt es am Gärtnerplatztheater auch nicht jeden Tag: dass an die Zartbesaiteten im Publikum vorab an der Garderobe gratis Ohrstöpsel verteilt werden. Aber bei dieser Tanz-Premiere ist eben einiges anders. „Rock to Heaven“ ist eine Hommage an ein Lebensgefühl. Und an eine Musikrichtung, für die eine Schublade allein nicht annähernd ausreicht. Weshalb man gut beraten war, nicht einen einzelnen Rockstar oder eine konkrete Band ins Zentrum zu rücken. Stattdessen hat Komponist Leonhard Kuhn für dieses Projekt einen eigenen neuen Soundtrack kreiert, der von Heavy Metal, Indie und Prog Rock bis zum Jazz zahlreiche Stilrichtungen miteinander verschmilzt. Als Inspirationsquelle für gleich drei Choreografen, die hier dem Geist des Rock nachspüren.
Den Anfang macht Ballettchef Karl Alfred Schreiner, der den Abend in der Stille beginnen lässt. Mit einem stummen Auftritt von Tänzer Joel Distefano, der sich ruhigen Schrittes seinen Weg durch die angerostete Fabrikhalle bahnt, die Heiko Pfützner als Schauplatz entworfen hat. Dann blitzt aber schon das erste schneidende E-Gitarren-Riff auf. Zu wuchtigen Akkorden entfesselt Schreiner ein kontrolliertes Chaos, in dem die Tänzerinnen und Tänzer allmählich einen gemeinsamen Rhythmus finden. Und natürlich bahnt sich schnell eine tragische Lovestory an, ohne die kaum ein gutes Rock-Album auskommt.
Wer jetzt an den typischen Bad Boy und sein Groupie denkt, ist allerdings auf dem Holzweg. Der wahre Rockstar ist nämlich Montana Dalton, die sich mit bedingungsloser Hingabe als eine Art Doppelgängerin von Courtney Love inszenieren darf. Mit roher Intensität durchlebt sie wie im Rausch eine emotionale Achterbahnfahrt. Einen wilden Taumel aus Anziehung und Konflikt, bei dem das Knistern zwischen ihr und Partner Distefano in jeder Sekunde greifbar ist. Stets beobachtet von Ethan Ribeiro, der mit starker Bühnenpräsenz als „BoddAH“ jenen imaginären Freund verkörpert, an den Loves Ehemann Kurt Cobain einst seinen Abschiedsbrief richtete.
Deutlich klassischer wird es in der zweiten Episode, für die Choreograf Jacopo Godani verantwortlich zeichnet. Er setzt der Massen-Ekstase in Club-Atmosphäre eine intime Zweierszene entgegen, die das Erzähltempo drosselt und die Zeit zu dehnen scheint. Dies oft sogar mitten in den fließenden Bewegungen. Yunju Lee und Gjergji Meshaj dürfen viele unterschiedliche Facetten ausloten. Mal mit gegenseitigem animalischem Beschnuppern, mal in zarter Eleganz über die Bühne schwebend, ohne dem Publikum am Ende eine konkrete Antwort zu geben.
Dieser fesselnde Pas de deux bleibt dabei keineswegs die letzte offene Frage des Dreiteilers. Denn als Letzter im Bunde bricht auch Frédérick Gravel bei seinem choreografischen Beitrag mit Erwartungen. Dafür lässt er unter anderem Tänzer Alexander Quetell zum Mikro greifen, der mit trockenem Humor die einzelnen Nummern des dritten Albums ankündigt: eine Reihe von dramatischen Schluss-Posen, bei denen sich das Publikum selbst ausmalen darf, was wohl davor in einer durchzechten Nacht passiert sein mag.
Obwohl Gravel mit endlosen Wiederholungen und Zeitlupen den Geduldsfaden ein wenig überspannt, findet auch er zum Headbanger-Finale wieder das nötige Tempo, das dem Abend eine stimmige Klammer verleiht. Und wie es sich für ein Rockkonzert gehört, werden zum jubelnden Schlussapplaus auch alle Bandmitglieder namentlich vorgestellt, um ihren individuellen Beifall zu ernten.
Denn ohne Norbert Nagel, Julian Hesse, Jan Zehrfeld, Eley Ellmer, Elias Bohatsch und Andreas Partilla würde alles definitiv nicht funktionieren. Es ist der permanente Austausch zwischen Tanz und Musik, durch den „Rock to Heaven“ erst richtig zu leben beginnt. Inklusive kleiner Impro-Elemente, die dafür sorgen, dass nicht einfach nur stur Takt und Schritte gezählt werden, sondern man aus dem Moment heraus aufeinander reagiert. Das kann keine Tonkonserve und schon gar keine KI. Das kann nur LiveTheater.TOBIAS HELL
Weitere Vorstellungen
am 28., 30. April, 2., 3. 10. Mai; Telefon 089/21 85 19 60.