Der Chor der Gefangenen erinnert in der Beethoven-Inszenierung von Andreas Wiedermann an das US-Lager Guantanamo. © Aylin Kaip
Die Halle des Münchner Justizpalastes ist in der Tat eine imposante Kulisse. Das weiß der gern an spektakulären Orten inszenierende Chef der Opera Incognita, Andreas Wiedermann, genau. Vor zwei Jahren schon brachten er und sein musikalischer Mitstreiter Ernst Bartmann ebendort Phil Glass‘ Kammeroper „In the Penal Colony“ nach Kafkas „In der Strafkolonie“ heraus. Auch für Beethovens „Fidelio“ ist das Gerichtsgebäude inhaltlich der rechte Ort, geht es doch um die Befreiung des vom Gefängnis-Gouverneur Pizarro willkürlich gefangen gehaltenen Florestan. Heikel wird es dort allerdings, wenn es um die Musik geht. Und wenn dann auch noch auf dem Programmzettel „Nach der Oper von Ludwig van Beethoven“ steht, schleicht sich bei manchem vielleicht ein kleines Unbehagen ein… Aber keine Sorge, die Opera Incognita enttäuscht auch diesmal nicht.
Selbst wenn die Akustik höchst problematisch ist, der Nachhall mehrere Sekunden dauert und anfangs zwischen den Sängern und dem im gegenüberliegenden Treppenaufgang positionierten „Orchester“ samt Dirigent oft Uneinigkeit herrscht: Das Gesamt-Projekt packt das Publikum von der ersten bis zur neunzigsten Minute.
Ernst Bartmann hat Beethovens einzige Oper für ein Streichquintett eingedampft, und man ist überrascht, wie hervorragend das gelungen und wie viel Beethoven da zu hören ist. Aber nicht nur, denn in den Überleitungen der aufs Wesentliche konzentrierten Fassung wartet Bartmann mit neuen Klängen auf. Absolut überzeugend ist das. Ebenso die Streichung aller für uns heute arg betulich anmutenden Dialoge. Eigentlich ergibt sich das Geschehen aus den Schlag auf Schlag folgenden Musiknummern. Aber wenn es doch eine kleine Erklärung braucht, lässt Wiedermann diese einfach auf die Wand projizieren, wo auch die Gesangstexte erscheinen.
Zum kurzen Vorspiel kommen Menschen (Chor) in die Halle, stellen ihr Gepäck ab, werden registriert und bekommen ihre Gefängniskleidung – einen Overall in Orange mit fetter Häftlingsnummer à la Guantanamo. Danach startet Marzelline mit ihrer Arie „O wär‘ ich schon mit dir vereint“ und möchte mit Fidelio zur Sache kommen, doch dieser (alias Leonore) weicht aus. Weil im nachfolgenden Quartett „Mir ist so wunderbar“ auch Jaquino, der Marzelline heiraten will, gefragt ist, lugt kurzerhand Florestan aus dem Verließ und übernimmt die Tenorstimme: Improvisation ist gefragt und ein Schmunzeln erlaubt. So geht es dahin auf den mächtigen Treppenaufgängen, vor denen einige Overalls von der Decke baumeln und wo Gouvereneur Pizarro in blauem Anzug mit roter Krawatte (!) sich als Fiesling in Szene setzt oder der kleine, engagierte Chor seine großen Auftritte absolviert (Ausstattung: Aylin Kaip).
Mit ungebremstem spielerischem wie stimmlichem Elan werfen sich alle ins Akustik-Abenteuer: Karolína Plicková überzeugt mit großem Sopran als liebend-kämpfende Leonore, Johanna Schumertl als quirlige, höhensaubere Marzellina. Martin P. Summer leiht dem Kerkermeister Rocco seinen tragfähigen Bass. Stimmlich nicht ganz so souverän agieren Manuel Kundinger als Pizarro und Stephan Lin als von Haft und Todesangst gepeinigter Florestan. Weil Regisseur Wiedermann dem Happy End misstraut, lässt er kurz davor Marzelline auf Leonore und Pizarro auf Florestan los, um danach doch ins finale „Heil sei dem Tag“ einzubiegen. Viel Applaus.GABRIELE LUSTER
Weitere Vorstellungen
am 30. April, 1., 2. Mai;
opera-incognita.de.