Was für ein Abschluss! Der Zyklus mit frühen Verdi-Opern, den der scheidende Chefdirigent Ivan Repušić (Foto: Tom Schulze) mit seinem Münchner Rundfunkorchester über die vergangenen Jahre realisierte, bescherte Opernfans so manches Highlight. Ebenso wie die Begegnung mit Raritäten, die man diesseits der Alpen nur selten auf dem Spielplan findet.
Und da kann man bei der letzten Etappe durchaus mal ein Auge zudrücken. Streng genommen handelt es sich bei der revidierten Zweitfassung von „Simon Boccanegra“ nämlich weder um ein Frühwerk noch um eine Rarität. Aber wer möchte schon nörgeln angesichts der hochkarätigen Besetzung, die man für diese konzertante Aufführung im Prinzregententheater versammelt hatte?
Schon im Prolog entfaltet sich da geballte Bassgewalt, wenn Ljubomir Puškarić und Miklós Sebestyén bei der Wahl des Dogen als Verschwörer die erste Intrige ins Rollen bringen. Und auch der andere große Konflikt des Abends nimmt hier mit der Begegnung zwischen Boccanegra und seinem Rivalen Fiesco seinen Anfang. Für George Petean zählt der Titelheld zu seinen absoluten Paradepartien. Und dies aus gutem Grund.
Egal ob er seiner verlorenen Liebe nachtrauert, vor seiner Tochter das Herz öffnet oder den politischen Gegnern autoritär die Stirn bietet. Petean bestätigt erneut seinen Ruf als ausgewiesener Verdi-Stilist, der in den intimen Vater-Tochter-Momenten ebenso überzeugt wie in den Ensembles, die er mit seinem kraftvollen Bariton mühelos dominiert. Obwohl auch Alexander Vinogradov als Fiesco mit schwarzem Bass mächtig auftrumpft.
Ein Fest der großen Stimmen, die sich perfekt in das Klangkonzept von Ivan Repušić einfügen. Er bleibt auch diesmal ein Mann für die großen Emotionen, der besonders die großen Chorbilder effektvoll zu inszenieren weiß. Gleichzeitig entlockt er dem Rundfunkorchester aber auch sanftere Töne. Etwa dann, wenn er im Vorspiel zum ersten Akt Verdis sinfonische Qualitäten betont und den Blick sehnsuchtsvoll über das hier in der Morgensonne glitzernde Meer schweifen lässt.
Von diesem fein ausbalancierten Zugriff profitieren nicht zuletzt Eleonora Buratto (Amelia) und Freddie de Tommaso (Gabriele). Mit ihnen sind auch für das jugendliche Liebespaar zwei dramatische Stimmen aufgeboten, denen Repušić aber regelmäßig Gelegenheit bietet, sich an ihre Wurzeln im lyrischen Fachen zu erinnern. Ein großer Verdi-Abend, der vom Publikum schon während der Aufführung mit Bravo-Rufen und frenetischem Jubel gefeiert wird.TOBIAS HELL