Familiengeschichten zwischen Marokko und dem Irak werden in Fotos und Installationen erzählt. © Eva Jünger
Silbernes auf Nachtblau und auf einem Volkskunst-Muster in schwarzem Lack faszinieren sofort: Auratisches, Besonderes Der zweite Blick erfasst Blech und Pappe, grob Gefaltetes, rohe Schweißkanten. Nichts Besonderes? Doch, denn das optische Vergnügen an Eliyahu Fatals/Eli Petels Skulpturen verstärkt sich um eine Hinterkünftigkeit. Da ist Ironie, da bleibt Schönheit, da kommt Verfall, da widersteht Fantasie. Kuratorin Ulrike Heikaus vom Jüdischen Museum München lässt seinem vielseitigen Schaffen von Keramik bis Druck viel Raum. Das zeichnet die gesamte Ausstellung „Yalla – Arabisch-jüdische Berührungen“ aus. Trotz aller drängenden aktuell-politischen, trotz kulturhistorischer und polit-geschichtlicher Hintergründe darf die Kunst im Vordergrund stehen.
Jutta Fleckenstein, der Stabilitätsanker des Jüdischen Museums seit Jahren und wohl weiterhin, erklärte bei der Pressevorbesichtigung zunächst nüchtern, dass sich die im September 2025 benannte Direktorin Alina Grovoma (wir berichteten) nach ihrer Probezeit verabschiedet habe. Wichtiger war Fleckenstein jedoch, auf eben jene Hintergründe ihres Hauses hinzuweisen: Das Museum werde gerade in diesen Zeiten zum Resonanzraum. Und: Man wolle erneut andere Narrative über jüdische Identitäten zu Wort kommen lassen. Eine davon ist die der „Misrachim“. Die Hälfte der israelischen Bevölkerung machen Menschen aus, die Wurzeln in Nordafrika oder Westasien haben, also von Marokko bis in den Irak.
Alle Künstlerinnen und Künstler – neben Fatal/Petel auch Hori Izhaki, Dana Flora Levy, Dor Zlehka-Levy, Joseph Sassoon Semah, Mona Yahia, Tamir Zadok und Liron Lavi Turkenich – können auf diesen Erinnerungs- und Erfahrungsschatz aus Glück und Leid, Heimat und Vertreibung, aus Verbundenheit und Abstoßung zurückgreifen. Verbunden ist das oft mit den Erinnerungen der anderen Familienlinien an Europa und die Shoah. Die Verflechtungen mit den arabischen Kulturen hatte das Jüdische Museum Hohenems interessiert, wie dessen Kuratorin Anika Reichwald berichtet – dort lief die Ausstellung zuvor. Da man in Europa nicht viel darüber wisse, habe man sich diesen Kulturen mithilfe der Kunst genähert.
In Hohenems hat man ihr wohl nicht recht vertraut. Das erkennt man an Säulenstümpfen, die diverse Fragen stellen, etwa nach „Kategorien“ oder Heimatgefühlen. Diese Fragen stellen die Kunstwerke ohnehin, aber raffinierter, weiser und unterhaltsamer. Izahakis „Nie Widder“ verspottet zum Beispiel frech das deutsche „Nie wieder“-Mantra mit einer Geweih-Sammlung. Die macht freilich keinen Jäger neidisch, da sie total vegan ist, nämlich aus Palmenfasern und Dattelkernen.
Natürlich werden auch Künstler präsentiert, die in Fotos, Musik und Video-Installationen über ihre Familiengeschichten erzählen von Polen bis Ägypten; von dem Iraqi Jewish Archiv, das US-amerikanische Soldaten 2003 in den Kellern des irakischen Geheimdienstes fanden – eine Masse an Dokumenten, durch Wasserschaden fast vernichtet. All diese Werke fangen wie Gefäße Trauer und Kraft auf und werden dadurch verwandelt zu Kostbarkeiten – am stärksten, wenn sie sich lösen können von allen Fesseln: wie Hori Izhakis zauberhauchfeines Relief aus weiß gefärbten, aufgehängten Pinien-Doppelnadeln und ihrem Schatten.SIMONE DATTENBERGER
Morgen bis 28. Februar 2027,
Di.-So. 10-18 Uhr; Programm und Führungen unter juedisches-museum-muenschen.de.