Schleim-Orgie: Szene mit Martin Weigel. © Judith Buss
Es ist bereits die dritte Arbeit der international gefeierten Künstlerin Doris Uhlich an den Münchner Kammerspielen. Auch „Glitsch – Alles im Fluss“ wurde enthusiastisch aufgenommen. Die Begeisterung galt vor allem den sechs Darstellern (Erwin Aljukić, Katharina Bach, Dennis Fell-Hernandez, Elias Krischke, Ann Muller, Martin Weigel), die sich Uhlich und einander vollständig anvertrauen und sich in ein Wagnis stürzen, das als radikale Feier des eigenen Körpers gelesen werden kann.
Zentral ist Uhlichs kompromisslose Hinwendung zur Vielfalt menschlicher Körper. Eine Vielfalt, die sich jeder Kategorisierung entzieht und Individualität als grundlegendes Prinzip behauptet. Uhlich geht noch weiter: Auch der Abend selbst entzieht sich eindeutigen Gattungen. Als „Tanztheater“ etikettiert, bewegt er sich – ebenso fluide wie die Substanz, um die sich alles dreht – zwischen Performance, Installation und bildender Kunst. Zugleich lotet „Glitsch“ den Begriff Ästhetik radikal aus. Besonders die zweite Hälfte wird für empfindliche Gemüter zur Herausforderung: Schleim in unterschiedlichen Aggregatszuständen dominiert die Bühne, eine rauschhaft-exzessive Materialerfahrung. Die Darsteller werden zu Virtuosen dieser Substanz, schlagen im Rhythmus wummernder Beats Blasen, lassen sie platzen, verschmelzen mit ihr. Schaumparty war gestern – was für eine Orgie!
Demgegenüber steht der erste Teil, der eine fast hypnotische Schönheit entfaltet. Die an der Decke installierten Eimer – Installation von Juliette Collas – lassen die zähe Masse in fast musikalischer Präzision herabfließen. Mal erinnert sie an gezogenes Kerzenwachs, mal an kristalline Tropfsteinformationen; im blau-weißen Licht entsteht die Anmutung einer surrealen Mondlandschaft. In dieser Sphäre begegnen sich die Körper mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit, gleiten übereinander, schieben sich behutsam und ohne Eile, verschränken sich zu skulpturalen Formationen. Boris Kopeinigs wuchtige Beats kontrastieren mit Momenten völliger Stille, in denen das Klatschen zähen Schleims auf nackter Haut umso deutlicher wird. Gemeinsam mit der Substanz verwandeln sich die Performer: Sie beschmieren sich, überziehen ihre Körper wie mit einer zweiten Haut, wirken wie fremdartige Wesen oder Neugeborene. Wenn sie in weiße Mäntel mit überdimensionierten Haarapplikationen schlüpfen (Kostüme: Yannik Zamboni, maison blanche), werden sie zu irritierenden Fremdkörpern innerhalb der inzwischen vertrauten Nacktheit.
Berührend bleibt die Selbstverständlichkeit, mit der die Darsteller einander begegnen – respektvoll und ohne Scheu nehmen sie einander in ihrer jeweiligen Eigenheit an. In ihrer größtmöglichen Diversität erscheinen die sechs Performer als ein gemeinsamer, ineinander übergehender Körperkosmos. Ein Abend, der fordert – und gerade darin fasziniert.ANNA BEKE
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heute sowie 11. Mai, 7. Juni; Telefon 089/23 39 66 00.