Reiche leben länger

von Redaktion

Das Musiktheater „Eurydike und Orpheus“ an den Kammerspielen

Orpheus, dargestellt von einer Frau: Elisabeth Nittka als Ärztin, die den Kampf gegen den Tod aufnimmt. © Julian Baumann

Orpheus, in der griechischen Mythologie ein Sohn der Muse Kalliope und des Gottes Apoll, konnte mit seinem Gesang jedes Lebewesen verzaubern. Sogar den Gott Hades konnte er erweichen, ihm seine verstorbene Frau Eurydike noch einmal aus der Unterwelt zurück zu den Lebenden zu schicken. Man weiß, dass die Geschichte – außer in der Oper von Gluck – in fast allen Bearbeitungen von Monteverdi bis Strawinsky, von Calderon über Cocteau bis Jelinek nicht gut ausging für das Ehepaar. In der soeben in den Münchner Kammerspielen aufgeführten Fassung „Eurydike und Orpheus“ des polnischen Drehbuchautors und Dramaturgen Robert Bolesto wird die neben Romeo und Julia vermutlich bekannteste Liebesgeschichte aller Zeiten nicht nur mit Blick auf ihr Ende neu erzählt. Die veränderte Gewichtung der Akteure lässt sich bereits am Titel erkennen.

In einer nicht näher definierten Zukunft ist Eurydike Dichterin, während die Kunstfertigkeit ihrer Frau Orpheus im Bereich der Wissenschaften liegt. Orpheus ist Leiterin eines erfolgreichen Instituts für Kryomedizin, das Verstorbene einfriert, um sie in der Zukunft auftauen zu können, wenn ihre Krankheiten heilbar sind. Als Roboter Amor beim üblichen Gesundheits-Check feststellt, dass Eurydike nur noch eine Stunde bleibt, ehe sie an einem geplatzten Aneurysma im Hirn sterben wird, ist die Sache für Orpheus klar: „Der Tod ist nur eine Krankheit“, sagt sie und will alle Maßnahmen für das Einfrieren der Geliebten einleiten. Doch Eurydike braucht noch Zeit, ehe sie eine Entscheidung treffen kann. Zeit, die sie eigentlich nicht mehr hat. Denn die in der Bühnenmitte eingeblendete Uhr zählt erbarmungslos den Countdown.

Die französisch-polnische Regisseurin Anna Smolar präsentiert mit der kleinen, gerade einmal zweistündigen Schauspieloper „Eurydike und Orpheus“ ihre zweite Regiearbeit nach „Hungry Ghosts“ (2022) an den Kammerspielen. Diese ruht, was Schauspiel wie Gesang angeht, in erster Linie auf den Schultern der jungen Schauspielerinnen Annika Neugart als todgeweihte Eurydike und Elisabeth Nittka als die verzweifelt gegen ein von der Natur gesetztes Ende ankämpfende Medizinerin.

Stimmlich sind beide den Anforderungen von Jan Duszynskis Komposition absolut gewachsen, ansonsten beeindruckend präzise und präsent im Spiel. Neugart erscheint als sanftmütige Poetin ungewohnt zart und zurückgenommen. Duszynskis extrem filmisch anmutende Musik ist anfangs kaum mehr als ein dumpfes Brummen oder Grollen, ehe die Dissonanzen immer raumgreifender werden und bis zum Finale noch Bläser, Synthesizer oder Schlagwerk dazukommen. Der zunehmend üppiger anschwellende Soundtrack illustriert das zwischen Liebestragödie und Science-Fiction-Horrorfilm changierende Geschehen auf der modern und variabel mit ein paar Stühlen, Bett und Bahre möblierten Bühne. Hier werden, das ist angemessen für den zeitlosen Stoff, die seit der Antike stets gleich großen Fragen von Leben, Tod und Unsterblichkeit verhandelt. Hades (Franziska Hartmann) und Amor (André Benndorf) kommen dabei ebenfalls wichtige Passagen zu.

„Eurydike und Orpheus“ tippt jenseits der Liebesgeschichte wichtige Themenfelder wie Einsamkeit und Fürsorge für Mitmenschen an, wenn traditionelle Familienstrukturen nicht mehr greifen. Oder die Tatsache, dass die modernsten medizinischen Innovationen heute schon nicht mehr für alle Kranken erschwinglich sind. Orpheus‘ Kryo-Forschungen stehen zum großen Missfallen von Eurydike auch nur den Wohlhabenden zur Verfügung. Gesundheit, lautet die Moral, sogar einen selbstbestimmten Tod muss man sich leisten können. ULRIKE FRICK

Nächste Vorstellungen

am 20. Mai, 3., 15., 30. Juni; Telefon 089/23 39 66 00.

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