Maestro mit Stil

von Redaktion

Zubin Mehta feiert heute seinen 90. Geburtstag

Als Erzähler von Anekdoten ist Zubin Mehta fast genauso gut wie am Pult. © Oliver Bodmer

„Ein Ehrentag, den ich am liebsten vergessen will“, so sagte er es damals im persönlichen Gespräch. „Wer möchte schon 80 sein?“ Zubin Mehta hat sich damit abfinden müssen. Auch damit, dass er dieses Jahr besonders viel zu tun bekommt, Anlass ist sein 90. Geburtstag am heutigen Mittwoch. Ob Bayerisches Staatsorchester (am 30. Mai), Münchner Philharmoniker (18., 19., 20. Juni), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (am 25. und 26. Juni), dazu noch Wiener Philharmoniker und andere Edel-Ensembles – alle wollen sie mit ihm feiern. Mit einem dirigierenden Mehta natürlich.

Dabei stand es vor einigen Jahren gar nicht gut um ihn. Seinen engsten Freundeskreis bat Mehta nach Los Angeles, um Abschied zu nehmen. Lungenkrebs, Chemotherapie. Die beste Therapie allerdings verordnete er sich selbst: dirigieren. Das ging so weit, dass Mehta kurz nach überstandener Krankheit für Mariss Jansons auf einer Asientournee des BR-Symphonieorchesters einsprang. Ein kleines Wunder. Und irgendwie typisch. Für Klassik-Events war er auch immer zu haben, ob als Koordinator der „Drei Tenöre“ oder mit einer „Turandot“ in Pekings „Verbotener Stadt“.

Mehta, der 1936 im damaligen Bombay in eine parsische Familie hineingeboren wurde, zog es zur musikalischen Ausbildung nach Mitteleuropa. Das Studium in Wien bei Hans Swarowsky prägte ihn und seine Interpretationen. Ob als Chef in Los Angeles, New York oder in Israel: Stets wollte Mehta den güldenen, hochkalorischen Klang der Wiener Philharmoniker ein Stück weit wiederhören. Ein besessener Detailfummler war dabei Mehta nie. Er blieb ein handwerklich prägnanter Ästhet, ein Mann der eleganten Schlagtechnik, der souveränen Draufsicht. „Wenn er ans Pult tritt, klingen wir sofort anders“, pflegten (nicht nur) Mitglieder des Bayerischen Staatsorchesters zu sagen.

Zwischen 1998 und 2006 war das im Münchner Nationaltheater zu erleben. Als Generalmusikdirektor bildete Mehta mit dem Intendanten Sir Peter Jonas, diesem asketischen Intellektuellen, ein ungleiches, sich perfekt ergänzendes Gespann. So wie die Staatsoper vom (teuren) Glanz des Dirigenten profitierte, so profitierte dieser auch von der Tradition des Hauses. Mehta gab gern zu, dass er Wagner vom Staatsorchester gelernt habe. Höhepunkt war ganz folgerichtig der „Ring des Nibelungen“, den David Alden vom verstorbenen Regisseur Herbert Wernicke übernahm. Und von dem Mehta noch heute gern erzählt, etwa von Siegfried, der sein Schwert zur Abkühlung ins Klo tauchte. Schulterzucken, Lachen – der Dirigent blieb da ganz tolerant.

Ohnehin ist der Star im persönlichen Gespräch am besten, wenn er nicht als musikalischer Analytiker gefragt ist. Als Anekdoten-Meister, als jemand, der wie nebenbei Hintersinniges verliert, ist Mehta dagegen in seinem Element. Was nicht heißt, dass der Dirigent nicht auch politisch aktiv werden und Zeichen setzen könnte. 2013 reiste er zum Beispiel mit dem Bayerischen Staatsorchester nach Indien, eine Station war ausgerechnet Kaschmir. Die Grenzregion zwischen Indien und Pakistan ist seit über 50 Jahren von territorialen Kämpfen und religiösen Auseinandersetzungen betroffen. Mehta ließ dort die Musik sprechen.

Vor einigen Wochen dann der Paukenschlag. Aus Protest gegen die Politik von Benjamin Netanjahu im Umgang mit der Palästina-Frage hat Mehta alle seine Engagements in Israel vorerst gecancelt. Der Schritt kam überraschend, die politische Haltung, die dahintersteckt, ist es weniger. Seit Jahrzehnten ist Mehta, früher Chef des Israel Philharmonic Orchestra und danach dessen Ehrendirigent, lästig. Vielleicht nicht so laut und wuchtig wie sein Künstlerfreund Daniel Barenboim, aber ebenso unnachgiebig. „Die junge Generation in Israel ist sehr gegen die Regierung eingestellt“, sagt Mehta. „Darauf hoffe ich.“

Zeichen setzen, das tut Mehta also weiterhin, auch wenn er mit 90 Jahren eine buddhistische Gelassenheitsstufe erreicht hat. Mit dem Dirigieren aufhören? Keinesfalls. Er würde sich sonst wie in der Wüste fühlen. Musikmachen, das bleibt für diesen Lustdirigenten ohnehin das Gegenteil von Fron. Erst recht, wenn seine Frau wieder „anstrengende Ferienorte“ ausgesucht hat. Einmal, auch eine oft erzählte Anekdote, musste sich Mehta dringend von einer Safari erholen. Mit Bruckners monumentaler achter Symphonie. MARKUS THIEL

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