Auf den Spuren Hermann Preys

von Redaktion

Weltweit wichtigstes Liedfestival: Schubertiade in Hohenems feiert 50. Geburtstag

Festival-Mitgründer Gerd Nachbauer. © Bernd Hofmeister

Erstes Konzert: Hermann Prey und Pianist Leonard Horkanson im Rittersaal von Hohenems. © Schubertiade

Jubiläumskonzert in der idealen Akustik des Markus-Sittikus-Saales: Konstantin Krimmel und Pianist Ammiel Bushakevitz. © Schubertiade

Was sich wohl Hermann Prey dabei gedacht hat? Konstantin Krimmel kann es sich 13 Stunden später immer noch nicht ganz erklären. Den blauen Westenanzug hat er getauscht gegen „Star Wars“-Shirt und Pumuckl-Käppi. Der große Vorgänger hätte das mutmaßlich niemals getragen. Was Krimmel mit Prey gemein hat außer einer Baritonstimme? Der 33-jährige Wahlmünchner hat am Abend zuvor dasselbe Liedprogramm wie der 1998 gestorbene Prey gesungen. Es ist eine Konzertwiederholung anlässlich eines Jubiläums. Die Schubertiade in Vorarlberg, wichtigstes Lied-Festival weltweit, feiert ihren 50. Geburtstag. Prey gehörte zum Gründungsduo an der Seite von Gerd Nachbauer. Letzterer, inzwischen 74, sitzt immer noch am Ruder.

Rekonstruktion der ersten Programme

Nachbauer hatte zum Jubeljahr eine besondere Idee. Exakt dieselben Konzertprogramme wie im Mai 1976 sollten nochmals aufgeführt worden. Neben Prey waren damals Christa Ludwig, Peter Schreier oder das Melos-Quartett dabei. Heuer kommen neben Krimmel noch Sophie Rennert, Ilker Arcayürek, Andrè Schuen oder das Mandelring-Quartett. Damals wurde im Rittersaal von Schloss Hohenems musiziert, heute ist alles im Markus-Sittikus-Saal, einer 1913 erbauten Turnhalle, die später umgerüstet wurde zu einem der akustisch besten Kammermusiksäle überhaupt.

Wie seit Jahrzehnten sind die Lied-Nerds dabei. Es gibt mehrere Konzerte pro Tag. Zur Stärkung sitzt man am kleinen Zentralplatz im Schlosscafé, beim Japaner gegenüber oder beim Schnitzel im Wirtshaus. Nach dem Abendkonzert ist das kaum möglich, in Hohenems, 20 Zugminuten vom Bodensee entfernt, ist ab 22 Uhr tote Hose. Musik muss nicht nur zur Labung der Seele, sondern auch des Magens herhalten.

Die ist, deshalb Krimmels Stöhnen, zum Auftaktabend mit dem Gründungsprogramm heftige Kost. Prey schwebte als Motto „Ein Leben in Liedern“ vor, von „Der Pilgrim“ über „Die Sterne“ bis zum Hinübergleiten ins Jenseits mit dem enorm schweren Opus „Totengräbers Heimwehe“. Harte Nüsse, Krimmel und sein Pianist Ammiel Bushakevitz knacken sie alle. Krimmels textbewusstes Legato, die freie Höhe, das ins Singen stufenlos verlängerte Sprechen, die feinen Affektwechsel – vieles kann man nicht besser interpretieren.

Für die Schubertiade, ja für den Liedgesang überhaupt, ist der Bariton ein Hoffnungsträger. Gleich bei mehreren Konzerten ist er in diesem Jahr in Hohenems oder am zweiten Spielort Schwarzenberg zu erleben. Wie immer gibt es bis zum Oktober mehrere Zyklen. Eine der letzten Enklaven des Liedgesangs ist die Schubertiade. „Man muss dieses Genre wieder neu aufbauen, vielleicht auch mit anderen Programmstrukturen“, sagt Krimmel. Abgesehen sei doch das Lied in unserer reizüberfluteten Zeit so schön wie gesund. „Ich versuche jedenfalls, die Fahne hochzuhalten.“

Schon immer waren die genuinen Liedsängerinnen und -sänger ein kleines Grüppchen. Weil es dafür extrem flexible Stimmen braucht und ein tiefes Reflektieren der Texte. Aber auch, weil manche die pure Form, die sie stimmlich nackt macht, scheuen. „Ich empfinde das Lied für mich als das stressbefreiteste Genre“, sagt dagegen Krimmel, der auch Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper ist. Hier genieße er die größtmögliche Freiheit. Es sei für ihn sogar „der Himmel auf Erden“.

Für Chef Gerd Nachbauer ist Krimmel ein Geschenk. Endlich wieder eine junge, weit strahlende Figur in der Liedszene. Dass sein Festival einmal fünf Jahrzehnte übersteht, hat sich Nachbauer anfangs nicht vorstellen können. Zumal ursprünglich eine chronologische Aufführung des Schubert’schen Gesamt-Œuvres geplant war. Zwölf Jahre hätte das gedauert. Jetzt sind es, mit immer neuen Programm-Mixturen, 38 mehr geworden. Nachbauer spricht weniger von der Krise des Liedgesangs, sondern von Wellenbewegungen. Keinesfalls habe das Genre darunter zu leiden, dass in der Schule immer weniger Gedichte behandelt würden. „Wichtig ist die Überzeugungskraft des Interpreten.“ Außerdem kämen immer mehr Sängerinnen und Sänger „unter die Räder des Opernbetriebs“ mit entsprechenden vokalen Blessuren.

Gäste besuchen drei Konzerte pro Tag

Hohenems und Schwarzenberg haben einen Vorteil: Nur die Natur am Fuße des Bregenzerwaldes hat hohen Reizfaktor, ansonsten ist die totale Fokussierung aufs Lied möglich. Zwei, drei Konzerte pro Tag ist für die Gäste der Normalfall. Und so ist auch das Nachmittagskonzert mit Sophie Rennert voll. Sie singt, begleitet von Joseph Middleton, das Programm, das einst Christa Ludwig gestaltete. Die Hit-Dichte ist höher als bei Krimmel, der Grundton ist elegisch. Rennert, Ensemblemitglied am Gärtnerplatz, zieht sich auf einen lyrischen, aristokratischen Ton zurück. Der Knoten platzt im letzten Drittel.

Auf der Empore sitzt Krimmel; er hat sich, auch das ist Brauch bei der Schubertiade, die Kollegin angehört. Danach muss er zur Probe mit dem Kammerchor Feldkirch, geistliche Werke von Schubert werden in der Pfarrkirche aufgeführt. Ein Zwischenstopp im Hotel? Krimmel braucht so etwas nicht: Nicht weit vom Sittikus-Saal steht seine Unterkunft. Der Bariton reist mit seinen zwei Chihuahuas im eigenen Camper.MARKUS THIEL

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