Chaos vor der Eröffnung der Biennale in Venedig

von Redaktion

Israel und Russland von der Preisverleihung ausgeschlossen: Jetzt tritt die Jury der Kunstausstellung zurück

Der Zentrale Pavillon in den Giardini. Die Eröffnungsfeier dort entfällt. © Messer/dpa

Die Kunstbiennale in Venedig – eine der wichtigsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit – steht vor einem Scherbenhaufen. Wenige Tage vor Beginn trat die internationale Jury im Streit um den Umgang mit Russland und Israel geschlossen zurück. Seit Gründung der Biennale 1895 gab es das noch nie. Die groß geplante Eröffnungsfeier fällt ebenso aus wie die übliche Vergabe der Goldenen Löwen. Preise werden jetzt erst zum Ende der Biennale im November vergeben – und zwar nicht mehr von einer Jury, sondern durch eine Abstimmung unter dem Publikum.

Zusammen mit der documenta in Kassel gehört die alle zwei Jahre stattfindende Biennale in der italienischen Lagunenstadt zu den wichtigsten Veranstaltungen zeitgenössischer Kunst. Die 61. Auflage geriet jedoch in die Mühlen der Weltpolitik: zunächst, weil inmitten des Ukraine-Kriegs erstmals wieder Kunst aus Russland dabei sein wird, und dann auch noch, weil die Jury vergangene Woche sowohl Russland als auch Israel von der Preisvergabe ausschloss.

Der geschlossene Rücktritt der Jury unter Vorsitz der brasilianischen Kunsthistorikerin Oliveira Farks sorgt in der Kunstwelt für Schlagzeilen weit über Italien hinaus. Die Erklärung wurde von den fünf Jury-Mitgliedern gemeinsam veröffentlicht, ohne dass sie ihre Gründe näher erläuterten. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ titelte: „Biennale im Chaos“. Nach deren Informationen wurde die Jury zum Rücktritt gedrängt – auch mit der Drohung, dass Schadensersatzforderungen auf die fünf Mitglieder zukommen könnten. Offiziell gab es keine Bestätigung dafür.

Offensichtlich steht der Abgang in Zusammenhang mit dem Streit um Russland und Israel. Wegen des Kriegs gegen die Ukraine wurde der russische Pavillon in den vergangenen vier Jahren von Russland nicht genutzt. Jetzt soll dort Kunst gezeigt werden, deren Macherinnen Verbindungen in den Kreml haben. Israel wird in Venedig vom israelisch-rumänischen Künstler Belu-Simion Fainaru vertreten. An Israels militärischem Vorgehen gibt es international ebenfalls viel Kritik. Vergangene Woche erklärte die Jury dann, dass weder Russland noch Israel mit einem Preis rechnen könnten.

Daraufhin schickte die italienische Regierung „Inspektoren“ nach Venedig. Zuvor schon hatten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Kulturminister Alessandro Giuli angekündigt, der Eröffnung fernzubleiben. Meloni sagte zum Rücktritt der Jury: „Ich weiß nicht, ob dies mit der Entsendung der Inspektoren zusammenhängt. Was die Dynamik dieser Angelegenheit angeht, habe ich den Überblick etwas verloren.“ Die EU droht der Biennale damit, wegen Russlands Beteiligung Zuschüsse in Millionenhöhe zu streichen.

Nach dem Rücktritt der Jury kündigte die Biennale-Leitung an, die Goldenen Löwen nun erst am letzten Ausstellungstag im November zu vergeben. Statt der üblichen Preise soll es nur zwei „Leoni dei Visitatori“ („Besucherlöwen“) geben.

Dabei werden dann auch die Beiträge aus Russland und Israel zur Auswahl stehen. Israels Außenminister Gideon Saar begrüßte dies. „Die Botschaft ist klar: In der Kulturwelt ist kein Platz für Politik, Boykotte oder Antisemitismus.“ Russland sieht die erste Teilnahme an der Biennale seit Beginn seines Angriffskriegs als Ende seiner kulturellen Isolation im Westen.

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