NACHRUF

Ein Virtuose mit dem Pinsel

von Redaktion

Der Maler Georg Baselitz ist im Alter von 88 Jahren gestorben

Georg Baselitz und seine Ehefrau Elke. © PeoplePicture

Er stellte die Kunst buchstäblich auf den Kopf: Georg Baselitz, hier bei einer Pressekonferenz in München. © Falke/T&T

Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten im Bereich der reinen Malerei seit den 1960er-Jahren: Georg Baselitz. © Sebastian Kahnert/dpa

„Das ist doch der, der die Bildmotive auf den Kopf stellt.“ Dieser Satz dürfte reichen, damit selbst Leute, die sich nicht für Bildende Kunst interessieren, wissen, wer gemeint ist. Der Name fällt ihnen vielleicht nicht ein, doch sie haben einen Begriff von dem Mann. Weniger klar ist ihnen, dass Georg Baselitz neben Maria Lassnig (1919-2014) die bedeutendste Persönlichkeit im Bereich der reinen Malerei seit den 1960er-Jahren ist. Am Donnerstag starb der 1938 als Georg Kern geborene Meister, wie seine Galerie in Salzburg mitteilte. Dort lebte er zuletzt.

Das sächsische Deutschbaselitz, wo er das Licht der Welt erblickte, benutzte er bereits während des Kunststudiums in Ost-Berlin als Namensinspiration. Und blieb ab 1957 beim Wechsel nach Berlin-West dabei, wo er weiterstudierte, die Einflüsse aufsaugte, die den Sozialistischen Realismus ablehnten, und wo er seinen eigenen Weg finden musste. Denn das Gegenständliche wollte er genauso wenig aufgeben wie die Ausdrucksform Malerei selbst.

Baselitz war ein brillanter Kolorist, ein Maestro der Pinselführung, der Flächenbeherrschung. Selbst die gröbste Ist-mir-doch-wurscht-Ausführung war süperb gesetzt und entglitt nie; die flockigen, leicht hingeworfenen Spritzer, Linien und Tupfer aus den späteren Schaffensphasen waren nie oberflächlich. Die Gründe hierfür liegen zum einen in seinem Urtrieb – „Bei mir geht es nur um Bilder“ – und dem so profunden wie respektvollen Wissen um die Werke der Vorgänger aus der Kunstgeschichte; zum anderen in der historischen Prägung durch Krieg und zwei Diktaturen. „Flucht und Zerstörung waren ganz, ganz prägend. Zwischen meiner Frau (mit Elke Kretzschmar war er seit 1962 verheiratet und hatte mit ihr zwei Söhne; Anm. d. Red.) und mir ist der Zweite Weltkrieg ein tägliches Thema“, betonte Georg Baselitz in einem seiner Gespräche mit unserer Zeitung.

Deswegen demolierte er in den Sechzigern gnadenlos das Männlichkeitsbild. Die Körper werden verwundet, geschunden, bloßgestellt, sogar zerhackt. Verfall, Schwäche, Hässlichkeit, Gewalt als Täter und Opfer springen die Betrachter rücksichtslos an. 1963 ließ denn auch die Berliner Staatsanwaltschaft „Die große Nacht im Eimer“ (Hitler-Paraphrase) und „Der nackte Mann“ konfiszieren – juristisch erfolglos. Finanziell stand der junge Künstler zwar miserabel da, die Kunstwelt begann jedoch wahrzunehmen, welch Kraft da auf die Szene trat. „Ich habe damals jämmerlich gekämpft, hatte Probleme damit, fertig zu werden. Dadurch entstehen dicke Bilder – wie von einem Maurer gespachtelt“, kommentierte Baselitz im Rückblick.

Seine „Bildmodelle“, die Motive, behielt er in den Siebzigern, Achtzigern, als er weltweit längst begehrt war, und Neunzigern bei. Er erweiterte sie, testete ihre Tragfähigkeit malerisch bis zur Abstraktion aus, zu Serien, zu Farb- und Kontrastvarianten. Und damit der Inhalt nicht das Malerische dominierte, drehte er ab den späten 1970ern Bäume, Köpfe, Figuren, Adler und Blumen um 180 Grad. Nach der Jahrtausendwende reichte das dem Star, der seit zwei Jahrzehnten zu Documentas, Venedig-Biennalen und in Museen von Antibes bis Tokio eingeladen worden war, nicht mehr. Er gebar aus der alten Baselitz-Malerei eine neue.

Als „Remix“ bezeichnete er seine Strategie: „Ich mache alles querdurch noch einmal. Das ist keine Kopie. Sondern ich nehme innerhalb eines Konzepts dasselbe Bildmodell erneut her (…) Schließlich zählt nur, dass es ein gutes Bild werden muss – unabhängig davon, ob das Vorbild gut ist.“ Die Münchner Pinakothek der Moderne hatte das Glück, 2006 diese herrliche Schau präsentieren zu dürfen. Man erlebte einen befreiten Georg Baselitz, einen Virtuosen des Pinsels, einen Heiteren, Entspannten, der nun nicht mehr bissigen, sondern einen humanen Humor erkennen ließ. 2014/15 genossen die Bayern wiederum einen Baselitz im Kochler Franz-Marc-Museum („Tierstücke“) und fulminant im Haus der Kunst, in dem sein Œuvre inklusive der riesigen, schrundigen Skulpturen perfekt zur Geltung kam.

Seine Kunst war im Übrigen schon früh in München präsent. 1965 zeigte die heute legendäre Galerie Friedrich & Dahlem sie, dann Heiner Friedrich allein; später kümmerte sich Sabine Knust um die grafischen Arbeiten des Künstlers. Dass die Staatsgemäldesammlungen und die Graphische Sammlung (2023 Künstlerbuch „Malelade“) seit den Siebzigern seine Werke erwarben und ausstellten, ist sicherlich dem sanften Druck und der Überzeugungskraft des damaligen Prinzen Franz zu verdanken. So besitzt Bayern heute einen beachtlichen Bildbestand, der weiterhin lebendig vom Schaffen des Georg Baselitz erzählt.SIMONE DATTENBERGER

Artikel 4 von 9