„Frühling“ (Blick aus dem Atelier) aus dem Jahr 1909. © Christoph Irrgang,Hamburg
Gemälde von Adolf Erbslöh (1881-1947) begegnen einem immer wieder in unseren Münchner Museen, meist im Zusammenhang mit dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Ein „rundes“ Einzelporträt von seinem Schaffen fehlte jedoch. Diese Lücke füllt das Franz Marc Museum in Kochel am See mit der Ausstellung „Fantasie & Form – Adolf Erbslöhs Weg in die Moderne“. Direktorin Jessica Keilholz-Busch folgt ihm darauf mit 40 Werken (zahlreiche Leihgaben) von seinen spätimpressionistischen Anfängen über die Münchner Kontakte mit den späteren Künstlern des Blauen Reiter bis zu seinem Hauptwerk in den Zwanzigerjahren. Ab den Dreißigern verfemten ihn die Nazis als „entartet“.
Ein Wahl-Bayer aus Wuppertal
Das Motto der Schau geht auf Erbslöhs Essay „Phantasie und Form“ von 1929 zurück. Und „Form“ ist bei ihm, so erzählen es vor allem die späteren frappant kraftvollen Gemälde, tatsächlich etwas Gebautes, Körperhaftes, Skulpturales. Der Wahl-Bayer vereinte gewissermaßen zwei Geschwister der bildenden Kunst. Aber wie alle Künstler, die um die vorige Jahrhundertwende herum ihre ersten Gehversuche machten, startete der Sprössling aus wohlhabendem Haus (geboren in New York, aufgewachsen in Barmen bei Wuppertal) mit dem Lichtzauber des Impressionismus. Drei Winterlandschaften belegen bereits die sichere Hand Adolf Erbslöhs. Ab 1904 studierte er in München, und da kamen unausweichlich jugendstilige Impulse von Neuer Secession und Scholle hinzu.
In München, damals neben Paris die wichtigste Stadt für Kunstausbildung, traf der junge Maler auf Gleichgesinnte. Seine Ideen passten zu denen von Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter. Man unterstützte einander ab 1909 in der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM). Erbslöh hatte sie mitbegründet, war ein engagierter und fürsorglicher Netzwerker, so Keilholz-Busch, und lud Pariser Künstler nach München ein. Kandinsky inszeniert bald bei einer Ausstellungsplanung einen Konflikt; es gab eine Trennung von der NKVM. Die Freundinnen und Freunde folgten ihm und entwickelten „ihren“ Blauen Reiter. Trotzdem hat Adolf Erbslöh ihre Werke gesammelt und aufbewahrt. Im Ersten Weltkrieg wurde der Künstler als Kriegsmaler eingesetzt; zwei fahlblaue Ruinen-Gemälde erinnern in der Kochler Ausstellung daran. In den Zwanzigern wurde er zu dem Erbslöh. Paul Cézannes und Robert Delaunays farb-konstruktive und kubistische Sichtweisen von Landschaft als Architektur beziehungsweise Architektur als Natur hatten ihn zu seinem Stil animiert. Ob Parkbäume oder das Gebirge bei Brannenburg (Inntal), ob das Land bei Klausen oder Positano, Adolf Erbslöh verband oft düstere Lichtmagie mit durchdachten Strukturen zwischen Natur und Stereometrie. Ihrem Sog kann man sich nicht entziehen.SIMONE DATTENBERGER
Bis 26. Juli,
Di.-So. 10-18 Uhr, Pfingstmontag geöffnet; Telefon: 08851/92 48 80, franz-marc-museum.de.