Die Hoffnung stirbt zuletzt

von Redaktion

Die BR-Symphoniker, ihre neue Saison und der geplante Konzertsaal

Herbert Blomstedt, dann 99, dirigiert Bruckner. © Wikimedia

Ein Stoßgebet fürs geplante Konzerthaus: Sir Simon Rattle mit Chor und Symphonieorchester des BR in der Isarphilharmonie. © Astrid Ackermann

Im Sommer soll es nun passieren, wahrscheinlich noch vor den Ferien. Dann will Bayerns Kunstministerium endlich mitteilen, wie und wann es mit dem geplanten Konzerthaus am Ostbahnhof weitergeht. Der exakte Zeitpunkt dieser Erklärung steht nicht fest, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) ist man da vorsichtig. Kürzlich gab es ein Gespräch zwischen Minister Markus Blume (CSU), Chefdirigent Sir Simon Rattle und dem neuen Orchestermanager Tabaré Perlas. Was als vertraulich geplant war, machte Blume öffentlich: Ein Video mit Rattle, der im Ministerium „spontan“ Klavier spielt, wurde gepostet, so etwas tut der ministeriellen Eigen-PR ja ganz gut.

Entscheidung zum Saal noch im Sommer

Rattle jedenfalls gibt sich ehrlich optimistisch. Er habe zum ersten Mal die Hoffnung, dass sich wirklich etwas tut. „Ich habe das nicht erwartet“, sagt er auf der Programmvorstellung seines Orchesters für die nächste Saison. Björn Wilhelm, Kultur-Programmdirektor des BR, sekundiert diplomatisch: „Die Aussage steht, der Saal kommt.“ In den nächsten Wochen werde etwas passieren. Auch für den Freistaat, der die Planung seit 23 Jahren betreibt und verschleppt, allerhöchste Zeit. 43,7 Millionen Euro wurden bislang für das Projekt ausgegeben, obwohl noch nicht einmal ein Spatenstich, geschweige denn eine endgültige Planung erfolgte. Das ergab eine Anfrage der Landtags-Grünen an die Staatsregierung. 520.000 Euro davon, so antwortete das Kunstministerium, seien für Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben worden, 5,5 Millionen für Mieten und Pachten.

Bekanntlich erhält Grundstückseigentümer Werner Eckart eine jährliche Pachtzahlung von 600.000 Euro, der Vertrag wurde für 44 Jahre geschlossen. „Markus Söder will beim Konzerthaus unbedingt Privatengagement in die Finanzierung einbinden“, kommentiert Sanne Kurz von den Grünen auf Anfrage unserer Zeitung. „Gleichzeitig gibt die Staatsregierung über Jahre Geld aus, ohne dass sich auch nur ein Kieselstein im Münchner Werksviertel bewegt hätte. So zerstört man Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates und schadet der Musik in Bayern.“

Ganz wunderbar passt dazu das Motto der nächsten Saison: „Hoffnung“. Auf sehr viel lässt sich das Motto anwenden, gleich der Spielzeitstart Ende September wartet mit einem monumentalen Hoffnungswerk auf, mit Beethovens Neunter. Zwei Orchester sind in diesem Konzert sogar aktiv: Das BRSO spielt Beethoven, vor der Pause widmet sich die auf historischen Instrumenten spielende Truppe BRSO barock einer Bach-Kantate. Am Pult: natürlich Simon Rattle. 2027 jährt sich der Todestag Beethovens zum 200. Mal. Allerdings wird das mit keinem Symphonienzyklus gefeiert, dafür werden alle Beethoven-Quartette aufgeführt. Auf der Bühne: ausschließlich BRSO-Mitglieder.

Rattle dirigiert in der kommenden Spielzeit unter anderem noch ein reines Strawinsky-Programm, eine konzertante Aufführung von Debussys „Pelléas et Mélisande“ (mit seiner Frau Magdalena Kožená), eine Rekonstruktion von Mahlers zehnter Symphonie und ein weiteres Mal BRSO barock mit Bach-Kantaten. Häufiger Gastdirigent ist Iván Fischer, der 2027 auch Klassik am Odeonsplatz übernimmt. Ansonsten wurden noch Stars wie Semyon Bychkov, Franz Welser-Möst, Klaus Mäkelä, Tugan Sokhiev oder Riccardo Chailly engagiert. Letzterer übernimmt neben einem Strawinsky-Rachmaninow-Abend ein Musica-Viva-Konzert mit Werken von Wolfgang Rihm.

Überhaupt erfährt die Musica-Viva-Serie mit Zeitgenössischem und Klassikern der Moderne in der Ära Rattle einen Promi-Schub. Der Chef leitet eine konzertante Aufführung von George Benjamins „Picture a Day like this“, Jörg Widmann kommt, und die gefeierte Marionetten-Produktion von Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ gastiert im Prinzregententheater, die Entwürfe für die Figuren und die Ausstattung stammen vom kürzlich verstorbenen Georg Baselitz.

Neben Kurz-Gastspielen in europäischen Kulturzentren zieht es das BRSO wieder einmal nach Asien. Zwei Wochen dauert die Tournee im November, das Ensemble bereist dafür Südkorea, Taiwan und Japan. Einen Höhepunkt der kommenden Saison preist der Chefdirigent selbst: Herbert Blomstedt, der am 11. Juli seinen 99. Geburtstag feiert, reist im nächsten März an, um Bruckners gewaltige fünfte Symphonie zu dirigieren. Der betagte Kollege, so erzählt Rattle, habe ihm per Telefon im vergangenen Jahr zum 70. Geburtstag gratuliert. Dies mit dem Hinweis: „Die besten Jahre kommen noch.“MARKUS THIEL

Artikel 4 von 8