Er ist halt in München immer noch Generalmusikdirektor der Herzen: Schon beim Betreten der Isarphilharmonie wird Kirill Petrenko mit Begeisterungsstürmen empfangen. Und Petrenko wäre nicht Petrenko, wenn er diesen Exzess nicht bis zum Schlussapplaus nach Beethovens Zweiter ins Unermessliche steigern könnte. Mit seinen Berliner Philharmonikern setzt er die Symphonie unter Strom: ein Klang wie eine 10.000-Volt-Batterie – kraftvoll, tief, elektrisierend. Die alte Berliner Klangtradition bleibt nicht im satten Grund stecken; sie zeigt Humor, vor allem in Scherzo und Finale. Lediglich das Larghetto bleibt etwas kurzatmig.
Vor der Pause wird das schwarze Innere des Saales mit reichlich Stuck ausgekleidet, klanglich versteht sich. Solist Gautier Capuçon ist in Tschaikowskys Rokoko-Variationen um keinen Cello-Süßstoff verlegen. Technisch imponierend, doch oft überreizt, wenn auch nicht uncharmant: Rubati werden ausgestellt, Läufe im Stakkatissimo zugespitzt. Petrenko begleitet auffallend schlicht. So schlicht, dass in den Orchestertutti manche Breitseite unterentwickelt bleibt. Doch diese Nüchternheit bewahrt wiederum Capuçon vor dem Zuckerschock. Dieser Zugriff trägt zuvor auch Strawinskys „Pulcinella“-Suite: Klassizismus als Maskenspiel mit viel Witz. Großartig die Holzbläser, gestählt das Blech, homogen die Streicher. Weltflucht und hellsichtige Lebensfreude zugleich – Tschaikowskys Rokoko-Variationen lassen in diesem Werk quase noch mal grüßen. Auf den Monat zeitgleich mit dem Werk wurde Jahrhundertcellist Pau Casals geboren. Von ihm gibt Capuçon als Zugabe den „Gesang der Vögel“.
Hochsympathisch vorgetragen lernt man, dass es um nicht weniger als den Weltfrieden geht. Das darf man gut meinen; musikalisch aber rutscht der Abend noch einmal politisch dorthin, wo Petrenko ihn musikalisch zuvor klug herausgehalten hatte: in den Edel-Kitsch. Am Ende applaudiert man für große Musik – und so klatscht auch niemand unter dem eigenen Niveau.WILLI PATZELT