Deutscher Plattenbau und nackte Tatsachen

von Redaktion

Spektakuläres bei der 61. Biennale

Die Tänzerin Florentina Holzinger hängt in einer gußeisernen Glocke vor dem österreichischen Pavillon. © Bertorello/AFP

Grün, wie einst die Kasernen in der DDR: Der Deutsche Pavillon in den Giardini. © dpa

Der Deutsche Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig verwandelt sich in diesem Jahr äußerlich in einen Plattenbau. Er „reiht sich ein in eine höchst politische Biennale, die wir hier erwarten“, sagte Kuratorin Kathleen Reinhardt. Gestaltet wurde er von den Künstlerinnen Sung Tieu und Henrike Naumann. Naumann war im Februar überraschend im Alter von 41 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben.

Naumann bespiele den zentralen Innenraum und die dominante Farbe sei ein Mintgrün. „Dieses Mintgrün ist eine klare Referenz zu dem Mintgrün, das in den sowjetischen Kasernen in der DDR zu finden war, die heute als Ruinen teilweise noch in Ostdeutschland stehen“, sagte Reinhardt, die das Georg Kolbe Museum in Berlin leitet. Darauf setze Naumann eine Kartographie des Krieges.

Gezeigt werden etwa ein Relief aus Stühlen, ein Vorhang aus Kettenhemden und die Performance „Trümmerfrau“. Mit den beiden Künstlerinnen habe man erstmals ostdeutsche und ostdeutsch-migrantische Stimmen in dieser Tiefe und Vehemenz im Pavillon, sagte Reinhardt. Tieu überdecke das Gebäude von 1938 – „die faschistische Architektur, an der sich ja schon sehr viele abgearbeitet haben“ – mit dem Bild eines Berliner Plattenbaus, in dem sie als Kind in den 1990ern lebte. Sie nutzt dafür mehr als drei Millionen Mosaiksteine.

Für Aufsehen wird in den nächsten Wochen der österreichische Pavillon im hinteren Teil der Giardini sorgen. 25 Performerinnen sollen von kommendem Samstag an bis zum 22. November – täglich und nackt – das Pavillon-Areal bespielen. Eingeläutet wurde die erste Performance bereits am Dienstag durch einen Glockenschlag, erzeugt durch einen menschlichen Schlegel. Künstlerin Florentina Holzinger ließ es sich nicht nehmen, zum Probenfinale selbst am Seil in die vor dem Pavillon-Portal hängende Glocke zu kraxeln – und heftig gegen die Glockenwand zu schwingen.DPA

Artikel 6 von 7