Fataler Frieden von Brest-Litowsk: Deutsche Offiziere begrüßen am 7. Januar 1918 die sowjetische Delegation mit Trotzki. © Wikimedia
„Vergessen Sie nicht, dass es Ihre Politik ist, die uns trennt, nicht aber unsere Gefühle – und die Gefühle der Freundschaft der Roten Armee für die Reichswehr. Und denken Sie immer daran: Sie und wir, Deutschland und die Sowjetunion, können den Weltfrieden diktieren, wenn wir zusammengehen. Sollte es aber je zu einem Zusammenstoß unserer Länder kommen, dann werden die Deutschen sich davon überzeugen müssen, dass die Rote Armee inzwischen viel dazugelernt hat.“ Das gab im Oktober 1933 der Oberstkommandierende Tuchatschewski dem deutschen Botschafter in Moskau, Graf Brockdorff-Rantzau, beim Abschiedsgespräch mit auf den Weg. Ein Fixpunkt in der makaberen Legende von der Freundschaft Deutschlands und der Sowjetunion. Tuchatschewski hat das Datum nicht lange überlebt. 1937 ist er als einer der ersten Stalins Mord-Säuberungen zum Opfer gefallen.
Zwischen Partner- und Gegnerschaft
Das Kapitel der Beziehungen der beiden Länder von 1917 bis in die frühen 60er-Jahre fächert pointiert und meinungsstark der Zeitgeschichtler, Journalist und Schriftsteller Sebastian Haffner (1907-1999) in „Der Teufelspakt“ auf. Der Essay kam 1967 zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution heraus. Jetzt ist dieses Meisterwerk erstmals komplett erschienen. Ein hochaktuelles Buch. Wenn auch 60 Jahre zwischen der Autorenschaft und der Gegenwart liegen, wenn zudem neue Erkenntnisse zu den Protagonisten Russland und Deutschland zur Verfügung stehen und wenn vor allem heute Putins Überfall auf die Ukraine nicht passen will in Haffners Analyse jener traumatischen Schicksalsgemeinschaft: So stellt dieses Buch, wie Karl Schlögel im Nachwort konstatiert, „ein Lehrstück inmitten neuer weltgeschichtlicher Verwerfungen“ dar.
Geschichte folgt, so Haffner, keinem Programm, keiner höheren Idee, sondern elementaren Interessen – dem Selbsterhalt der Macht oder eines Staates. So stellt seine kritische Rückschau die Partner- beziehungsweise Gegnerschaft der Hauptspieler in den Mittelpunkt. Das Ganze sieht er als eine „tödlich-intime Verknäuelung und Verstrickung zweier Völker“. Die „Verknäuelung“ beginnt mit Kaiser Wilhelm II. und Lenin: damit, dass gegen Kriegsende 1917 das Deutsche Reich den im Schweizer Asyl lebenden russischen Revolutionär Lenin im verplombten Eisenbahnwagen durch Deutschland nach Russland schleuste. Ein Bündnis des Kaisers mit den Bolschewiki, um Russland als Großmacht auszuschalten und durch die von ihm forcierte Revolution Ruhe an der Ostfront zu schaffen.
Das gipfelte im Frieden von Brest-Litowsk. Für Russland eine ungeheure Demütigung. Und Katastrophe. Terror und Gegenterror, Mordanschlag auf Lenin, Ermordung der Zarenfamilie. Angesichts dessen setzten die Deutschen darauf, die russische Volkswirtschaft in ihre Hände zu bringen. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen schob Admiral von Hintze die Erneuerung des Bündnisses mit der bolschewistischen Revolutionsregierung auf die Agenda, um nicht erneut die Ostfront zu eröffnen. Also Truppenhilfe für die kommunistische Revolution.
Das Bündnis schien perfekt. Die Reichswehr und die Rote Armee arbeiteten in den späten Zwanzigerjahren im Geheimen zusammen an neuen Waffensystemen. Ist Stalin eine Fehleinschätzung Hitlers unterlaufen? Haffner sieht in beiden Personen die Geschichte des Duells zweier Männer. „Für Stalin waren die Grundlagen der Macht nicht, wie für Hitler, Rasse und Raum, sondern Stahl und Energie – und Volksbildung.“ Bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 hatte Stalin offenbar nicht daran geglaubt. Mehr als 20 Millionen Menschen wurden in der Sowjetunion Opfer dieses Vernichtungsfeldzugs. Hitler wollte jede russische Staatlichkeit abschaffen, die Russen zu einem staatslosen Helotenvolk machen. Ihr Land sollte deutsches Siedlungsgebiet, deutscher Lebensraum werden.
Es kam, wie wir wissen, anders. 1945, die Russen in Deutschland, eine Geschichte des Schreckens. Ein Feldzug der Rache, der sich umwandelte in die Initiierung eines sozialistischen Staatswesens im russisch besetzten Teil Deutschlands. Das Gegnerpaar hieß jetzt Konrad Adenauer und Walter Ulbricht. Als Stalin 1952 den Westmächten sein Angebot zur deutschen Wiedervereinigung unterbreitete, stieß das auf Ablehnung. Stalin pochte nicht auf Sozialismus, sondern auf Neutralität. Die Stimmung in der Bonner Republik war eine andere: Franz Josef Strauß prahlte: „Die verbündete amerikanische Atommacht reiche aus, „um die Sowjetunion vom Erdboden wegzufegen.“ Die Lektüre dieses großartigen Buches schärft unsere Sinne für die gegenwärtige Politik. Ähnlichkeiten sind nicht rein zufällig.SABINE DULTZ
Sebastian Haffner:
„Der Teufelspakt – Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen“. Hanser Verlag, München, 224 Seiten; 24 Euro.