Im Max-Littmann-Saal: Intendant Alexander Steinbeis. © Becker
„Viel Glück“ oder „Herzliche Glückwünsche“, so lässt sich das jiddisch-hebräische „Mazel Tov“ übersetzen. Der Gruß ist doppeldeutig: Mit diesem Festivalmotto feiert der Kissinger Sommer vom 11. Juni bis zum 18. Juli seinen 40. Geburtstag. Zugleich will Intendant Alexander Steinbeis an die jüdische Geschichte des Kurbads erinnern. Eine Reihe von Stars haben sich dafür angesagt.
Warum das Motto? War die jüdische Geschichte der Stadt unterbelichtet?
Die jüdische Gemeinde in Bad Kissingen zählte lange zu den größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Bayerns. Ihre Wurzeln lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Regelmäßig werden dazu die Jüdischen Kulturtage veranstaltet, auch Stadtführungen „Auf jüdischen Spuren“ werden regelmäßig angeboten. Dennoch ist es mir ein Anliegen, dem Thema im Rahmen unseres Leitmotivs „Mazel Tov“ zum 40. Festivaljubiläum in diesem Jahr noch mehr Raum zugeben.
Wenn ich durch die Stadt spaziere: Welche Zeugnisse sind noch sichtbar?
Das sind vor allem ehemalige Wohn- und Geschäftshäuser bekannter Familien sowie das Jüdische Gemeindehaus ganz in der Nähe des ehemaligen Standorts der Neuen Synagoge, die 1938 beim Novemberpogrom stark beschädigt und ein Jahr später dann abgerissen wurde.
Wie spiegelt sich das Motto in den Konzertprogrammen wider? Gab es Ihrerseits Vorgaben für die Künstlerinnen und Künstler?
Das Motto zieht sich wie ein roter Faden durchs gesamte Festivalprogramm. Dabei kommt alles zusammen: Werke, Komponisten und auch die Herkunft der Künstlerinnen und Künstler. Nehmen wir nur das Prolog-Konzert mit dem Mandolin-Spieler Avi Avital oder das Eröffnungskonzert mit Iván Fischer, der seinerseits Prokofjews „Ouvertüre über hebräische Themen“ dirigiert. Insbesondere die Kammerkonzerte greifen das Thema stark auf wie beispielsweise ein Termin mit Cellistin Adele Bitter und Pianist Holger Groschopp, sie spielen Werke von Komponisten, die ins Konzentrationslager mussten. Das Jewish Chamber Orchestra aus München ist zu Gast. Wir haben eine Chanson-Reihe, Sharon Brauner singt jiddische Evergreens. Und, und, und.
Das Festival findet in einer politisch heiklen Weltlage statt. Wie docken Sie an die Realität an?
Die Konzeption des Programms begann vor dem 7. Oktober 2023, also vor dem Überfall der Hamas auf Israel. Natürlich gab es hin und wieder Momente, in denen wir innegehalten und uns gefragt haben: Welchen Einfluss könnte diese Weltlage auf unser Festival haben? Wir wollen mit dem Programm auch ein Bekenntnis ablegen und ein Zeichen setzen. Es handelt sich hier um einen wichtigen, unverzichtbaren Teil europäischer Kulturgeschichte. Ich werde aber nicht müde zu betonen, dass unser Festivalprogramm mit der Tagespolitik um den Staat Israel nichts zu tun hat.
Gab es Kritik?
Das Programm wurde insgesamt sehr positiv aufgenommen. Es gab großen Zuspruch. Auch der Vorverkauf läuft sehr gut. Klar: Fragen wurden und werden gestellt, aber das gehört dazu. Und das Thema Sicherheit bekommt natürlich mehr Aufmerksamkeit, dafür gibt es ein Konzept.
Es ist ja auch ein Geburtstagsprogramm, für das Stars anreisen. Allein drei Termine mit Cecilia Bartoli: Haben Sie einen Extra-Zuschuss bekommen?
Etwas mehr Zuschuss konnten wir zum Glück akquirieren. Cecilia Bartoli, die früher sehr präsent hier war, war zehn Jahre lang nicht beim Kissinger Sommer. Ich habe mehrere Anläufe für diese Konzerte unternommen. Ihre Idee war dann, eine kleine Bartoli-Residenz zu planen mit verschiedenen Programmen. Ganz allgemein: Ich konnte vor allem durch Sponsorenpartner und unseren Förderverein die Voraussetzungen für dieses besondere Programm schaffen. Was tatsächlich etwas aufwendiger ist: das Jubiläumskonzert am 12. Juli mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Sir Simon Rattle und Chören aus ganz Bayern, die „Carmina Burana“ aufführen. Das Spektakel findet auf dem Turnierplatz statt, an einem Ort also, der nicht für Konzerte ausgerichtet ist. Das wird ein Kraftakt.
Wie haben sich die Rahmenbedingungen fürs Festival verändert? Sind Sie unter verstärktem Rechtfertigungsdruck den politischen Entscheidungsträgern gegenüber, gerade was die Finanzen anbelangt?
Was die Kommune betrifft, kann ich nur sagen: Die Stadt hat den Wert des Festivals erkannt und welche Bedeutung es hat für die Menschen, die in der Region leben. Dafür sind wir sehr dankbar. Ein Drittel unseres Publikums besteht aus nationalen und internationalen Kulturtouristen, die hier übernachten, essen gehen, einkaufen – das ist nicht zu unterschätzen. Natürlich verbringe ich viel Zeit mit Erklärungs- und Überzeugungsarbeit . Das ist notwendig, denn nichts ist mehr selbstverständlich.