Zwischen Autodesign, Zeitporträt und Familienepos bewegt sich „Villa Rivolta“ des Münchner Schriftstellers, Drehbuchautors und Dramaturgen Daniel Speck. © Gaby Gerster
Mal wieder Lust auf eine Kulturreise nach Italien? Dann ist der Roman „Villa Rivolta“ von Daniel Speck genau die richtige Lektüre. Das pralle Familien- und Firmenepos ähnelt in Stil und Fülle seinem Bestseller „Bella Germania“ von 2016 und ist gefühlt auch eine Art Fortsetzung. Diesmal unterhält uns der beliebte Münchner Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramaturg mit der spannenden (und wahren) Geschichte der Mailänder Industriellenfamilie Rivolta und ihres berühmten Automobilunternehmens.
Typisch Daniel Speck: Er verwöhnt die Leser mit vollmundiger, atmosphärischer Erzählkunst, aber er fordert sie auch. Denn es gilt, auf 608 Seiten zahlreiche unterschiedliche Charaktere und Generationen kennenzulernen, Zeit- und Perspektivenwechseln zu folgen und nebenbei auch noch eine Menge Wissen von Historischem über Kinokunst bis Autodesign zu verdauen. Aber alles ist so detailfreudig recherchiert, mit leichter Hand lebensnah und geradezu filmisch niedergeschrieben, dass man sich schon nach ein paar Seiten genussvoll ergibt und gierig bis zur letzten Seite weiterliest. Im Zentrum steht die tiefe, aber komplizierte Freundschaft zwischen dem realen Protagonisten Piero Rivolta und der fiktiven Hauptfigur Valeria. Klug und attraktiv sind sie beide. Doch während Piero als Sohn liebevoller, kultivierter und reicher Eltern die Welt offensteht, muss sich Valeria, die aus einfachsten Verhältnissen stammt, jedes Stückchen Glück erkämpfen. Ihre Mutter arbeitet in der Villa Rivolta und trägt schwer an einer fatalen Lüge aus der Vergangenheit.
Für Piero ist klar, dass er eines Tages die Firma übernehmen und eine Frau seines Standes heiraten wird. Valeria geht das Leben weniger leicht von der Hand, doch sie ist mutig und fleißig, wird Journalistin und alleinerziehende Mutter. Das ist nicht zu viel verraten, denn die wahre Story ist, wie diese so unterschiedlichen Familien, Lebensentwürfe und Lieben immer wieder zur Herausforderung ihrer Freundschaft werden.
Alle Schicksale sind eng verwoben mit der Historie der legendären – und spätestens hier werden PS-Fans hellhörig – Motorroller- und Auto-Marke Iso Rivolta. Aus dem Werk der Rivoltas in Bresso bei Mailand stammte unter anderem die unvergessene Isetta, für die BMW eine Lizenz erwarb und sie in München zwischen 1955 und 1962 mit riesigem Erfolg baute. Ab den 1960er-Jahren setzten die Rivoltas dann auf ikonische, luxuriöse Sportwagen.
Der treibende Motor im Hintergrund der Handlung ist die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung Italiens zwischen 1945 und 1979. Denn: Der Roman ist auch ein klassisches Zeitporträt – da gibt es Kriegstraumata und Nachkriegsarmut, alte und neue Ideologien, Kulturkämpfe, charismatisches Unternehmertum und das erstarkende Selbstbewusstsein von Frauen und Arbeiterschaft, um nur einige Themen zu nennen. Wer die mitreißenden Geschicke der Menschen und Maschinen rund um das Haus Rivolta weiterverfolgen möchte – Daniel Speck plant schon eine Fortsetzung.STEFANIE LEHMBERG
Daniel Speck:
„Villa Rivolta“, Fischer, 608 Seiten; 25 Euro.