Das haut rein

von Redaktion

Stephen Kings „The Shining“ als Oper in Regensburg

Jack Nicholson im Film von Stanley Kubrick – den King ablehnte. © United Archives

Was ein Hotelaufenthalt alles anrichtet: Carl Rumstadt als besessener Jack Torrance. © Marie Liebig

Zwillingsmädchen im Hotelflur? Tabu. Eine Axt? Auf keinen Fall. So geht das weiter mit der Verbotsliste für die Opern-Adaption. Fast nichts sollte an den ikonischen Film von Stanley Kubrick erinnern, den Stephen King ablehnte. Zu weit entferne sich dieser, so wetterte der Autor, von seinem Roman „The Shining“. Doch siehe da: Eine dünne Zimmertür lässt sich auch wunderbar mit dem Krocket-Schläger zertrümmern, vieles mehr und Menschliches ebenfalls. Manches davon sieht man in Regensburg, anderes ahnt man gottlob nur.

Das dortige Haus darf sich seit dem Wochenende nicht nur mit dem Titel „Staatstheater“ schmücken (siehe unten), sondern auch mit einer europäischen Erstaufführung. „The Shining“ von Paul Moravec (Musik) und Mark Campbell (Text) kam vor exakt zehn Jahren in Minnesota heraus. Wieder greift also Regensburg zu einem Stück der US-Moderne, bei dem sich Avantgarde-Jünger vor Abscheu schütteln. Tonale Musik im 21. Jahrhundert? Moravec, Jahrgang 1957, entgegnet provokativ: Diese sei doch die „Lingua Franca“ der westlichen Musik von Monteverdi bis zu den Beatles – warum also nicht?

Seine Partitur für „The Shining“ funktioniert vor allem über Atmosphärisches und ist doch mehr als Soundtrack. Süffiges, Pathos, Kitsch, all dies darf sein. Manches ist versierte Illustration, anderes stülpt das Innenleben der Figuren nach außen. Ein typisches Well-made-Play, das betrifft die kluge Eindampfung des Romans auf 110 Spielminuten plus Pause, erst recht die Partitur. Moravec bedient das Orchester mit fantasievollen Mixturen und verlangt Schnellkraft: Wie sich das Philharmonische Orchester Regensburg unter seinem Chef Stefan Veselka hineinsteigert, den Ausschlägen und klanglichen Kulissenwechseln folgt, imponiert.

Ein paar Leitmotive schaffen Erinnerungsmomente. Und je stärker der Horror, desto größer die Kakophonie-Lust bis hin zum Showdown: Ungeniert schielt da Moravec auf Wirkung. Zuspitzen, das zeigen die Szenen mit dem durchgeknallten Jack, kann er. Wobei dieser hier, ganz im Sinne Stephen Kings, kein Monster mit sardonischem Dauergrinsen ist. Ein Familienvater, trockener Alkoholiker, vor allem aber ein Liebender, der immer mehr überwältigt wird von seiner Vergangenheit, die ihm in Form seines eigenen Vaters in einem verfluchten Hotel begegnet.

Carl Rumstadt singspielt diesen Jack Torrance folglich als Sympathieträger. Mit virilem, sehnigem Bariton, den er gegen Ende, in der tödlichen Entäußerung, nicht schont. Fast bringt man Verständnis auf für diesen Amokläufer, der seine Frau Wendy und Sohn Danny meucheln will. Letzterer ist mit hellseherischen Fähigkeiten, eben dem „Shining“, gesegnet, vor allem aber geschlagen. Das ist tatsächlich mehr King als Kubrick, zumal auch der regieführende Intendant Sebastian Ritschel nicht draufdrückt, sondern sich dem Horror eher behutsam nähert. Zu leicht könnte das Stück ins Grusical kippen, Ritschel spielt hier seine Erfahrung und seinen Instinkt für szenische Dosierung aus. Kleine Zeichen, ein flackerndes Licht oder ein Heizkessel, der zwei glühende Augen zu haben scheint, bewirken da oft mehr.

Sam Madwar (Bühne/Video) liefert eine Szenerie, die mit Drehbühne und Hubpodien virtuose, stufenlose Wechsel erlaubt. Hotelzimmer, Keller, der verbotene Gang im ersten Stock, die Bar, in die sich Jack hineinimaginiert – alles wird herbeigezaubert wie eine gut geölte Broadway-Maschinerie. Chor- und Geisterauftritte, auch die Schärfungen der Charaktere funktionieren wie selbstverständlich. Die Aufführung flutscht, als laufe sie seit Wochen.

Zweimal mündet alles in den Totentanz

Theodora Varga zeigt beherzt und sopranriskant eine Wendy zwischen Muttergefühlen und Hysterie. Der junge Vitus Heumüller ist ein erstaunlicher Danny. Dass er nur wenige Stichworte hat, glaubt man gar nicht bei dieser Präsenz. Als sein Schatten ist Luke Sebö aktiv, beide werden in den kommenden Aufführungen die Rollen tauschen. Der Opernchor ist vokal und szenisch lustvoll bei der Sache, mit der Statisterie mündet der Abend zweimal in den Totentanz.

Was der Veroperung von „The Shining“ eher fehlt: die Fallhöhe. Zu oft, auch in den Schreckensmomenten, sucht Komponist Moravec die klangliche Versöhnung und den schmackigen Effekt, wo King ins Schwarze schaut. Ungewollt zeigt diese Oper, wo Kubrick Recht hatte. Und das „The Shining“ im Romankopfkino, durch das Jack Nicholson auf ewig spuken wird, wohl am besten funktioniert. Als erneute Leistungsschau eines frisch geadelten Theaters ist diese Produktion aber vor allem eines – ein Coup.MARKUS THIEL

Nächste Vorstellungen

am 31. Mai, 7., 13., 24., 27.
und 30. Juni;
staatstheater-regensburg.de.

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