Zwischen Utopie und Kollaps: Szene aus der rätsel- und soghaften Theater-Collage „Codeborn“. © Frol Podlednyi
Inwiefern lässt sich eine Sprite-Dose als Modell für eine schöne neue Welt lesen, deren Code gerade geschrieben wird? Quantenphysik im Limonadenformat: „Man muss nicht alles verstehen“, sagt Katrin Beck zur Eröffnung der 26. Münchener Biennale. Co-Intendantin Manuela Kerer ergänzt: „Wir müssen Ambivalenzen genießen lernen.“ Die neue Doppelspitze des Festivals für neues Musiktheater setzt weniger auf Eindeutigkeit als auf Überforderungslust. Das ist kulturpolitisches Programm – und eine treffende Gebrauchsanweisung für die Eröffnungsproduktion „Codeborn“.
Lange dauert es, bis sich die ausverkaufte Muffathalle füllt; darüber knistert ein elektronisches Klangbett mit seltsam vertraut wirkenden Akkorden. In der Mitte des düster-verrauchten Raums steht eine Drehbühne mit großem Bett, umgeben von Pflanzen und vor einer Wand aus scharfem Licht. Vom Band läuft das Logbuch-Protokoll eines Informatikers über KI-Experimente, Transformationen und instabile Zustände, das sich jeder eindeutigen Erklärung entzieht.
Darauf muss man sich bei dieser Inszenierung durch Florentine Klepper und Deva Schubert einlassen – die eine stringente Erzählung verweigern. „Codeborn“ ist eben kein Theater, sondern Musiktheater – die eigentliche Erzählung findet über Klänge statt: Zara Alis Musik verbindet Komposition und Sounddesign zu einer Collage aus verfremdeten Barockgesten, wagnerhafter Überwältigungsästhetik und knisternden elektronischen Klangflächen im Raum. Opernhafte Stimmen kontrastieren mit Sprachgesten in unverständlichen Codes. Unter der Leitung von Hansjörg Sofka entfaltet das Ensemble einen Sound zwischen Oper und postdigitaler Raummusik – der Soundtrack einer instabilen Gegenwart, schwebend zwischen Erinnerung, Utopie und Kollaps.
Starke Wirkung entfaltet das Zusammenspiel aus Licht und Körpern. Mit grellen Taschenlampen kontrollieren die Mitglieder des Phace-Ensembles die Drehbühne wie ein technoides Sicherheitsregime; ihre roten Lackkostüme oszillieren zwischen dystopischer Fashion-Show und einem fetischhaften Überwachungsstaat. Countertenor Thomas Lichtenecker verleiht der Mensch-Maschinen-Figur Doll eine intensive Präsenz, während Julien Horbatuk als Programmierer Guy im Gandalf-T-Shirt und Lucy Altus als KI-Wesen Nur seltsam statisch im Zentrum dieses Systems kreisen. „Codeborn“ ist krude und dunkel – aber immer wieder auch komisch, dadaistisch, surreal. Und genau darin liegen die stärksten Momente der Produktion. Das Absurde wird zur ästhetischen Form und das Nicht-Verstehbare plötzlich aushaltbar.
Während anschließend im Ampere die gelungene Eröffnung der Münchener Biennale gefeiert wird, verschwinden im Halbstundentakt kleinere Gruppen hinüber ins Studio zur Installation „Arche“ – wo Eugene Birman und Katharina Schmitt Kampfkunst untersuchen: Auf großformatigen Leinwänden erscheinen Körper in konzentrierten Posen zwischen Kung-Fu, Ritual und Choreografie; Bewegungen verdichten sich zu gezeichneten Gesten. Über den Klängen kreist die Phrase „Where to put the mind“ (Wohin soll man den Geist lenken?) – fast wie ein Gegenmittel zu Kontrollverlust und Nicht-Verstehen.ANNA SCHÜRMER
Die Biennale
dauert bis zum 20. Mai. Infos zu den Premieren und Konzerten unter muenchener-biennale.de.